Lailat al-Qadr – die Nacht der Bestimmung

Stolz sitz der Ladenbesitzer vor seinem Geschäft, in dem er Ramadanlampen verkauft.
Ramadan in Jerusalem. Die Autoreifen quietschen öfter in dieser Zeit. Die Stimmung ist angespannt. Unser palästinensischer Küster klagt über den “Duft des Ramadan” in den Bussen; tagsüber darf weder gegessen noch getrunken werden und so fährt man unkonzentrierter. Mit einem Kanonenschuss endet täglich die Fastenzeit und dann ist es für eine Stunde ruhig in Ostjerusalem. kein Hupen ist zu hören. Denn die Familien versammeln sich zum gemeinsamen Fastenbrechen. Anschließend füllt sich die Altstadt bis spät in die Nacht mit Menschen aus ganz Jerusalem.
In der Nacht des 27. Tages des Monats Ramadan feiern die Muslime die Lailat al-Qadr. Eine ungewöhnliche, mystische Nacht. Die Zeit zieht sich zusammen. Sie ist bedeutender als tausend Monde. Sie glauben, dass in dieser Nacht die ersten Koranverse Muhammed offenbart wurden. In der 97. Sure finden wir den entsprechenden Text:
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. 1Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung herabgesandt. 2 Woher sollst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? 3 Die Nacht der bestimmung ist besser als tausend Monate. 4 Die Engel und der Geist kommen in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn herab mit jedem Anliegen. 5 Voller Frieden ist sie bis zum Aufgang der Morgenröte.
Sura 97, Übersetzung Adel Theodor Khoury
Manche Islamwissenschaftler vertreten neuerdings die These, dass es sich bei dem Text um eine alte syrische Weihnachtsliturgie handeln könnte. Nicht der Koran, sondern Jesus ist gemeint. Und Friede tritt mit seinem Kommen ein.
Die Muslime in der Altstadt interessieren diese Spekulationen wenig. Für sie ist diese Nacht im Ramadan eine Nacht des Gebetes, denn nach der Tradition steht der Himmel bis zur Morgenröte offen. Männer mit Gebetsteppichen drängen durch die Altstadt zum Tempelberg.
Sie ziehen vorbei an Garküchen, an denen man Fleischspieße, Mais und Sauerbohnen (Foul) kaufen kann. Die Treppen am Damskustor gleichen einem Marktplatz. Man findet Kinderturnschuhe, Luftballons, Ramadanlampen made in China und Kleider. Die Altstadt wird von israelischer Polizei abgeschirmt und wir werden gefragt, was wir denn heute abend in der Altstadt wollen. Nach einigen Diskussionen lässt man uns durch. Die Sorge der Polizei um uns Internationale ist unberechtigt. Die Lailat al-Qadr ist eine Nacht des Friedens für die Muslime; und so stehen wir einige Zeit später an einem der Stände und betrachten mit einem Fleischspieß in der Hand das bunte Treiben.


19. September 2009 um 20:13 Uhr
Lange habe ich auf einen neuen Bericht von Ihnen gewartet.
Sie beschreiben die Situation so, dass ich das Gefühl habe, alles mit eigenen Augen zu sehen und mitten drin zu sein. Sehr interessant , einfühlsam und kenntnisreich schildern Sie die Zusammenhänge und die Stimmung. Vielen Dank aus Köln!