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»Calvin ist schon lange tot« – Es lebe Calvin!

John Calvin Presbyterian Church Orlando Fl

John Calvin Presbyterian Church Orlando Fl

Offen gestanden hatte ich es mir schon ein wenig anders vorgestellt. Vorgestern war der Gedenktag: 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin! Klar, dass ich an diesem Sonntag dorthin gehörte, wo er noch bekannt ist oder neu ins Licht gestellt werden wird. Unabweislicher Zielpunkt: die Presbyterianer.

Gesucht und gefunden

Das Internet macht’s möglich. En masse werden mir da presbyterianische Kirchen in Central Florida vorstellt. An allen Orten. Üblicher Weise heissen die meisten von ihnen “First Presbyterian Church”, dann kommt der Ort. Heilige Einfallslosigkeit. Bei der raschen Durchsicht bleibe ich an einem Eintrag hängen, der mir die Erfüllung meiner Wünsche verspricht: “John Calvin Presbyterian Church”. Das muss es sein.

Von Calvin keine Spur

John Calvin Presbyterian Church - Innenansicht

John Calvin Presbyterian Church - Innenansicht

Freundliche Begrüssung an der Tür. Ich werde als Fremdling – pardon: Besucher – identifiziert. Ja, sage ich, zum erstenmal hier, wegen der Birthday Party, füge ich ein wenig provokativ hinzu, lasse dann – nach der kleinen Ratlosigkeit der Dame – die Katze aus dem Sack: 500 Jahre und so weiter. Ach ja, sagt sie, sie erinnere sich.

In der zweiten Begrüssungsschranke stosse ich auf den Pastor und auf einen Ältesten. Wiederholung der Szene. Ja, ja, sagt er, manchmal fragen die Leute, wer denn der Calvin sei. Dann antworte ich immer: Der ist schon lange tot.

Es kommt mir nicht in den Sinn, mein sonntägliches Heil woanders zu suchen. Schliesslich ist es 11 Uhr. Das ist die letzte Schicht. Hier gibt es nur diesen einen Gottesdienst.

Immerhin erwähnt der Pastor später bei dem an alle gerichteten Willkommensgruss, dass Calvin, der Namensgeber der Kirche, vor 500 Jahren geboren sei. In einem Satz. Billiger geht’s nicht. Wahrscheinlich wollte er mir einen Gefallen machen.

Die Tage sind gezählt

111 Mitglieder hat die Gemeinde. Früher waren es mal um die 250. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur des Stadtteils verändert. In der Mehrzahl jetzt mexikanische Einwanderer. Die aber sind katholisch. So kann man es fast für einen glücklichen Umstand ansehen, dass bald Schluss ist.

Die Kommune braucht das Grundstück zur Erweiterung der benachbarten Schule. Der Vertrag ist schon in trockenen Tüchern: 2,8 Millionen Dollar Kaufpreis.

Das alles erfahre ich beim Beisammensein nach dem Gottesdienst. Fast scheint man erleichtert zu sein, diesen Ausweg gefunden zu haben. Dabei ist die Gemeinde erst in den sechziger Jahren gegründet worden. Beginn im zuerst gebauten Gemeindesaal. Das Kirchengebäude kam erst 1984 dazu.

Eine einfache, doch recht schöne Gemeindekirche. Der Abriss wird im Herbst sein. Das Geld geht in die Synodenkasse. – Ich gebe meine E-mail-Anschrift ab und bitte, zum Abschiedsgottesdienst eingeladen zu werden. Nicht mehr als eine Gefühlsanwandlung.

Minnette fiel mir auf. Sie rief im Gottesdienst zur Aktion “Christmas in July” auf. Eine Spendenaktion für bedürftige Kinder. Begründung: Zu Weihnachten gibt’s eh genug. Jetzt sei es wichtiger. Die Spielsachen oder die Kleidung, die zusammenkommen, werden an das Community Center gegeben und von dort an Bedürftige verteilt werden.

Wie’s weiterging

Jim aus Mississippi: Straßenverkauf aus Not

Jim aus Mississippi: Straßenverkauf aus Not

Ich bin an diesem Sonntag allein, das heisst ohne meine Frau. So versuche ich noch, ein paar Impressionen einzufangen. Irgendwo an der Orange Avenue hat Jim aus Mississippi einen Stand aufgebaut, will allerhand Überflüssiges zu Geld machen. Vor drei Jahren hierher gekommen. Vor Monaten den Job verloren, danach die Wohnung. Ich wünsche ihm Erfolg und weiss, wie aussichtslos es ist.

Den Supermarkt gleich um die Ecke betrete ich nur, um mir ein Bild zu machen. Rappelvoll, ich wusste es ja vorher. Ich zücke die Kamera und drücke drauf. Mehr geht nicht, da ich sogleich höflich, aber bestimmt von einer Bediensteten darauf hingewiesen werde, dass solches nicht gestattet sei.

Rappelvolelr Supermarkt: Weihnachten im Juli

Rappelvolelr Supermarkt: Weihnachten im Juli

Der Sonntag ist zum Shopping-Tag verkommen. Niemand findet etwas dabei. Auch die Kirchentreuen nicht. Denn sonst sähe ich nicht so viele Autos mit Bekenntnisaufklebern auf den Parkplätzen.

Keine allgemeine Flaute

Die deprimierende Calvin-Erfahrung darf nicht verallgemeinert werden. Zwar tut man sich hierzulande nicht sonderlich schwer damit, Kirchen zumal, wenn sie an begehrten Plätzen gelegen sind, zu verkaufen, jedoch meist, um sie an anderer Stelle neu erstehen zu lassen. Neu und grösser.

Die Tageszeitung (sie erscheint auch am Sonntag) widmet heute unter der Überschrift “The Resurrection of St. James Cathedral” eine volle Seite der anstehenden Renovierung der örtlichen römisch-katholischen Bischofskirche.

Renovierung wird ahnungslos als Auferstehung verstanden. Immerhin werden 10 Millionen dafür locker gemacht. Dabei ist das Gotteshaus keine sechzig Jahre alt. Allein für die künstlerisch gestalteten Fenster ist eine Million veranschlagt worden.

Das Erbe investieren…

Da weiss man, wo die Glocken hängen. Im Gemeindeblatt dieser Gemeinde ist mir die direkte Werbung für die Überlassung des Erbes an die Kirche aufgefallen. Es sei die beste Investition, hiess es da. Denn damit sichere man den Fortbestand des katholischen Glaubens. So ähnlich. Und wohl auch nicht ohne Wirkung.

»Brauchen Sie noch etwas?«

»Brauchen Sie noch etwas?«

Zu den grossen Innenstadtgemeinden ist auch die – dreimal darf man raten – “First Presbyterian Church Orlando” zu zählen: 4.800 Mitglieder. Jahresetat: 6,3 Millionen. Das heisst pro Mitglied mehr als tausend Dollar pro Jahr. Bezogen auf die Gottesdienstteilnehmer stellt es sich so dar, dass pro Kopf ein weit höherer Betrag aufgebracht wird, um die 3.100 Dollar.

Ganz beeindruckend ist in dieser Gemeinde das Engagement, das für die Kinder- und Jugendarbeit aufgebracht wird. Mehr als 3.200 sind in den verschiedenen Programmen eingeschrieben. Ein Beitrag für das ganze Gemeinwesen, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Schliessen wir mit Calvin!

Ich oute mich, wenn auch nur ein wenig. Ich habe als Konfirmand den lutherischen Katechismus auswendig gelernt, habe unter anderem in Basel bei Karl Barth studiert und mich schliesslich uniert, d.h. auf das Gesamtzeugnis der Reformation, ordinieren lassen.

Vor einiger Zeit gab es ein in Holland aufgelegtes Quiz, an dem man erkennen können sollte, wieviel calvinistisches Gedankengut in einem steckt. Ich landete mit meiner 90-Prozent-Erfolgsquote erstaunlich weit oben.

Es lebe Calvin? Er hätte es sofort korrigiert in “Soli Deo Gloria”, was wiederum den Menschen nicht klein, sondern gross macht. So viel zur calvinistischen Lehre. (Was man doch auf so einem UK-Blog alles transportieren kann! Und keiner pfeift einen zurück).

Bis zum nächsten Mal!

Günter Apsel

1 Kommentar zu „»Calvin ist schon lange tot« – Es lebe Calvin!“

  1. gumma sagt:

    Hei! Diesen Beitrag habe ich eben erst entdeckt. so viel habe ich ncoh nie gelernt über Kirche in Amerika! Günter, Sie sollten ein Bucvh schreiben!

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