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Über die Gefährlichkeit des Lebens – in Orlando, Florida, und anderswo

Gewalt in den Straßen: Ein mutmaßlicher Täter wird abgeführt

Gewalt in den Straßen: Ein mutmaßlicher Täter wird abgeführt

Orlando steht, wie jedes Kind weiss, für Entertainment. Vor allem dank Disney. Vor etlichen Jahren nannte eine angesehene deutsche Wochenzeitung unsere Ansiedlung im Herzen Floridas die “Welthauptstadt der Illusion”.

Ich fand es eine schmeichelhafte Übertreibung. Denn wer will sich denn im Ernst mit Las Vegas messen, wo jeden Tag Tausende ihre Illusion, mit einem Schlag reich zu werden, bitter bereuen und bezahlen müssen?

Vor allem Sicherheit

Einerlei. Orlando kann sich mit einer Vielzahl von familienfreundlichen Themenparks durchaus sehen lassen. Seit Walt Disney die Region vor mehr als dreissig Jahren als investitionsgeeignet entdeckt und entsprechend aufgemöbelt hat, kann man sich zur Hochsaison draussen vor der Stadt, wo sich die aufnahmebereiten, bezahlbaren Hotels zu hunderten und die Belustigungsparks im guten Dutzend befinden, vor Touristen kaum retten.

Das soll so bleiben. Denn davon lebt man hier, und man lebt nicht schlecht. Disney allein beschäftigt mehr als 20.000. So wird denn auch alles dafür getan, die vergnügungs- und erholungssuchende Menge mit allerlei Extras zu verwöhnen.

Dabei sind die Hotelshuttles, mit denen man umsonst hin- und herfahren kann, nur eine dieser angenehmen Zutaten. Vor allem aber ist man darauf bedacht, den Besuchern das zu geben, was sie unbedingt brauchen, um auf ihre Kosten zu kommen: Sicherheit.

Unrühmlicher Spitzenplatz

Orlando/Florida: Hohe Kriminalitätsrate, aber nicht überall..

Orlando/Florida: Hohe Kriminalitätsrate, aber nicht überall..

Deshalb gerät regelmässig alle Welt in den Zustand höchster Erregung, sobald trauriger Weise von einem Übergriff auf unschuldige Touristen berichtet werden muss. Das geschieht vor allem am International Drive, einer ausgedehnten Zone, mit unzähligen kleineren und grösseren Attraktionen ausgestattet, mit Geschäften und Hotels reich bestückt. Und besonders im Dunkeln kann’s schon mal gefährlich werden.

Es geschieht selten. Doch jeder Diebstahl, jeder Betrug, jede körperliche Gewaltanwendung ist einer/eine zu viel. Solches könnte die magnetische Anziehungskraft der Urlaubsregion schwächen. Das aber kann niemand wollen.

Wie nun passt die Meldung in diese Zielvorgabe, die ich jetzt in der online-Ausgabe eines überregionalen Nachrichtendienstes lesen muss? Dort erfahre ich, dass Orlando unter den 25 Orten (in Amerika) mit den höchsten Kriminalitätsraten einen unrühmlichen fünften Platz einnimmt. Orlando in Nachbarschaft zu Chicago, Detroit und Baltimore? Ja, leider.

Schaden abwenden

Der Schaden, der durch eine solche Meldung entstehen könnte, könnte ja nicht nur in die Millionen gehen, sondern auch dem Ansehen unserer superschönen Stadt schaden. Deshalb würde ich sie am liebsten in die Nähe von Falschmeldungen rücken.

Da das nicht geht, sind aus meiner Sicht mindestens zwei Klarstellungen fällig. Erstens: Das Leben ist grundsätzlich überall gefährlich. (Ich könnte dazu aus eigener leidgeprüfter Erfahrung einiges berichten, zum Beispiel aus Mexiko City). Zweitens: Orlando ist nicht Orlando. Die für uns so ungünstige Statistik ist nämlich nur auf einen bestimmten Stadtteil zu beziehen, in den man sich als Tourist kaum verlaufen wird. (Ich wiederhole: Nur auf diesen einzigen, kleinen Bereich ist die Zahl 9:1 anwendbar. In diesem Verhältnis läuft man dort – und auch nur statistisch – Gefahr, Opfer eines Übergriffes zu werden. Nahe an Downtown, zwanzig oder mehr Kilometer weg von den Attraktionen).

Nonstop Frankfurt – Orlando

Zwei Punkte, die genügen, wie ich hoffe, Orlando auch in Deutschland von einer gar nicht vorhandenen schwarzen Liste zu nehmen und es als mögliches Ziel für einen der nächsten US-Trips nicht nur nicht zu übersehen, sondern eher zu befürworten. Ein solcher Ferientrip lässt sich mit Hilfe der guten, alten Lufthansa leicht bewerkstelligen. Sie fliegt täglich Frankfurt-Orlando und zurück.

Im Sommer angenehm: Relaxen im Pool

Im Sommer angenehm: Relaxen im Pool

Was mich schwer wundert. Früher wurden wir durch den Ferienflieger LTU (Air Berlin) bedient. Einmal die Woche. Nach dem Septemberattentat (2001) flachte es merklich ab, was mich dazu veranlasste, meine Flüge gleich im Sechserpack zu kaufen: ein klarer Rettungsversuch. Doch es konnte den Niedergang nicht aufhalten. Die Flieger waren meist nur zu einem Drittel voll. Eines Tages wurde der Zielflughafen Orlando aufgegeben

Doch dann kam Lufthansa. Fliegt täglich und ist voll, obwohl ich selbst die Linie nur ganz selten nutze. Ich fliege meist auf Umwegen, mal mit Stopover in Philadelphia, mal in Chicago, mal in Washington oder auch – wie beim nächsten Mal – in Miami. Viel billiger! Das gibt den Ausschlag.

Vorsicht ist geboten

Noch ein paar Bemerkungen zum Stichwort Kriminalität. Dass es geraten ist, sich generell in Acht zu nehmen – wer wüsste es nicht? Und doch muss es immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Dass in Amerika die Zahlen ungleich höher sind als in Europa, liegt natürlich auch an der Waffenfreiheit, die selbst den Besitz gefährlichster Schusswaffen, die schwerlich nur zur eigenen Verteidigung dienen, einschliesst. Hier hat Obama noch viel zu tun.

Dagegen steht die mächtige Waffenlobby. Wer dieses “heisse Eisen” anfasst, hat kaum eine Möglichkeit, wiedergewählt zu werden. Weshalb man vermuten darf, dass der Präsident das Thema erst in seiner zweiten Amtsperiode (Wiederwahl vorausgesetzt) aufgreifen wird.

Häftlinge als Exportartikel

Auch abgesehen von der benannten Problemzone in Downtown Orlando: Die Zahlen steigen signifikant. Die Gefängnisse sind voll bis überfüllt. Neue bauen? Das verbietet sich fast angesichts der knappen Finanzen. So wird derzeit allen Ernstes erwogen, Straffällige in andere Einzelstaaten zu exportieren.

Es rechnet sich, heisst es, zumal dann, wenn man privat geführte Anstalten nutzen würde. Die gibt’s wirklich. Dass die Lokalnachrichten im Fernsehen ganz überwiegend der Berichterstattung über Mord und Totschlag, über Hauseinbrüche und Überfälle, zumal auf Banken, gewidmet sind, ist in meinen Augen eine Merkwürdigkeit, an die ich mich nicht gewöhnen kann.

Untaugliche Selbstbedienung

"Downtown" Orlando

"Downtown" Orlando

Die Topmeldung gestern zeigte eine Story, die am besten mit der Überschrift “Sieben auf einen Streich” zu versehen waere. Ein Einbruch, fast filmreich. Statt einer Alarmanlage hatten die Bewohner des Einfamilienhauses an mehreren Stellen des Hauses Kameras eingebaut. So konnte man nicht nur sehen, wie die Jugendlichen – beiderlei Geschlechts – die Scheibe zerschlugen und dann recht unbekümmert einstiegen, so als hätten sie Übung darin.

Wir am Bildschirm Zuschauenden wurden Zeugen einer gewissen Lebenslust: Sie besorgten sich erst einmal Bier aus dem Kühlschrank und checkten dann das Inventar, bevor sie sich zur Mitnahme der Gegenstände entschlossen, die ihnen gefielen.

Alles im Bild festgehalten, dauerte es nicht lange, bis sich alle sieben hinter Schloss und Riegel befanden. Noch dümmer stellte sich kürzlich ein Bankräuber an, der mutig an den Schalter trat und der Kassiererin einen entsprechenden Zettel vor die Nase hielt: Geld her oder du bist dran.

Unser Freund hatte allerdings in seinem blinden Arbeitseifer den Polizisten übersehen, der nur ein paar Schritte seitab routinemässig auf der Lauer sass. Es gab einen Ringkampf, in dessen Folge sich der Geldhungrige zwar befreien konnte. Er ergriff die Flucht, wurde aber bald gefasst und sitzt nun ein.

Nützliche Verbrauchertipps

Auf dem Gebiet der Kleinkriminalität hat wohl jeder seine eigene Erfahrung, sei es auf der Prager Karlsbrücke oder eben am International Drive in Orlando. Ich selbst habe hier immer den OBT (Orange Blossom Trail) für besonders gefährlich gehalten.

Dort, so sagte ich meinen Freunden in Deutschland schon bald, nachdem ich mich hier niedergelassen hatte, sollte man besonders vorsichtig sein. Wie? Immer die Autotüren verriegelt halten. Sollte man – etwa bei einem Rotlichtstop, bei der Verkehrsampel also – einen kleinen Bums von hinten abbekommen, so sollte man nicht aussteigen, sondern (bei Grün) zügig weiterfahren.

Herein nur mit Erlaubnis: Geschützter Wohnbereich

Herein nur mit Erlaubnis: Geschützter Wohnbereich"gated community"

Falscher Mut zahlt sich in der Regel nicht aus. – Wir leben übrigens in einer gated community: Man kommt nur rein, wenn man ein Resident ist oder wenn der Resident es zulässt. Der Guard ruft aus seinem Wächterhäuschen heraus an und öffnet, falls der Besuch willkommen ist, das Tor. So möchte ich nicht wohnen, höre ich manchen sagen und kann es sogar verstehen.

So möchte ich nicht wohnen, wäre damals, bevor wir hier einzogen, auch meine Reaktion gewesen. Inzwischen weiss ich es zu schätzen. Wer weiss, wie wenig ich nach meinen doch recht häufigen Deutschlandaufenthalten hier noch vorgefunden hätte, hätte ich die Wohnung unbewacht sich selbst überlassen. Es hat eben alles zwei Seiten.

Ein Fall für sich

Zum Abschluss: Die Nahaufnahme Orlando wäre unvollständig, würde ich nicht den Fall Casey Anthony mindestens kurz erwähnen. Das geht nun schon seit einem Jahr fast täglich durchs TV. Ein zweijähriges Mädchen (Caylee, Tochter der Casey) verschwunden zuerst, dann – nach Monaten des Suchens – tot aufgefunden. Hauptverdächtige für den Mord: die eigene Mutter. – Nach einem Jahr ist der Prozessbeginn noch nicht in Sicht.

Die Nachbarschaft passt mit auf...

Die Nachbarschaft passt mit auf...

Es ist das amerikanische Rechtssystem, das immer neue Verzögerungstaktiken der Verteidigung ermöglicht. Zwischendurch war sogar beantragt worden, den Prozessort zu wechseln, da die hiesige Bevölkerung in ihrer überwiegenden Mehrheit das Urteil schon gesprochen habe: Todesstrafe. (Die gibt’s wirklich noch in Florida). Dieses Klima der erkennbaren Vorverurteilung könne, so argumentierte der Anwalt, die Geschworenen beeinflussen. Der Antrag wurde abgewiesen.

Auf geht’s

Im übrigen steht Amerika derzeit nicht nur unter dem Schock des Verlustes von M.J., sondern auch unmittelbar vor einem der grossen Höhepunkte des Jahres: Independence Day am kommenden Sonnabend. Feuerwerkskörper, in rauen Mengen werden sie verkauft. Barbeque gehört dazu. Und Bier. Und Football live (im Fernsehen). Mit anderen Worten: ein Fest für Leib und Seele.

Alles Gute bis zu nächsten Mal!

Günter Apsel

1 Kommentar zu „Über die Gefährlichkeit des Lebens – in Orlando, Florida, und anderswo“

  1. Robert Keller sagt:

    Interessante Schilderungen. Lebendiger und vor allem aktueller als jeder Reiseführer. Danke.

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