Am Beginn der Hurricane Saison
Weg vom Schreibtisch, hinein ins Leben: So lautete heute morgen, nachdem ich die Zeitung gelesen hatte, meine Devise. Nicht als ob die Zeitungslektüre dafür den Anstoss gegeben hätte. Ich war vielmehr die Stubenhockerei leid.
Im Zeichen der Schwulen
Das Top-Ereignis der kommenden Woche werden die Gay-Tage sein, die alljährlich Tausende nach Orlando locken. Gay heisst schwul. Einmal im Jahr gehören die hiesigen Attraktionen, aber auch Downtown dieser aufmüpfigen Minderheit.
Aufmüpfig? Wohl nicht die richtige Vokabel. “Auftrumpfend” wäre eher zutreffend. Mir liegt jede Art von Diskriminierung fern. Jedoch habe ich Schwierigkeiten damit, dass die Homosexuellen sich oft in grellen Paraden und ähnlichem Klimbim öffentlich zur Schau stellen.
Aufmüpfig, auftrumpfend oder doch vielleicht nur ein Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins, nachdem das verdeckte Leben ein Ende hat? So wird es sein.
Nehmen wir’s also leicht, da man ohnehin nichts dagegen machen kann. Als die mächtige Southern Baptist Convention vor Jahren aus Gründen ihres Glaubensverständnisses zum Disney-Boykott aufgerufen hatte, blieb der Erfolg mässig. (Die Baptisten in den Südstaaten bilden den bei weitem grössten protestantischen Kirchenbund in den USA). Am Ende zogen die religiösen Ordnungshüter ihren Bann zurück, gaben sich geschlagen. Disney – mit seinem expliziten Antidiskriminierungspostulat – war stärker.
Nachts geht die Post ab

Parliament-House: Tagsüber nichts los
Ich fahre zum Orange Blossom Trail, eine Durchgangsstrasse, die ihrem Namen keine Ehre macht. Vieles liegt danieder. Dort befindet sich das Parliament House, ein beliebter Treffpunkt für die Szene, weit über Florida hinaus.
Nichts los. Nicht verwunderlich am hellen Vormittag. Doch abends und nachts dürfte, wie das Reklameschild vermuten lässt, die Post abgehen.
Keine einladende Gegend. Ich mache ein Foto und überlege, ob ein naheliegender Fabrikhof ebenfalls ein Motiv hergeben könnte. Der Hof ist mit vielen kleinen Toilettenhäuschen, die man im allgemeinen auf den Baustellen findet, vollgestellt. Wäre doch was, als Beweis für die daniederliegende Baubranche.
Jedoch, ich zögere, das Grundstück zu betreten. Ein Schild “No Trespassing” (Betreten verboten) hält mich davon ab. Ich weiss, dass damit nicht zu spassen ist.
Schiess, wenn du dich bedroht fühlst
Nach dem floridianische Waffengesetz ist es erlaubt, abzudrücken, wenn man sich auf dem eigenen Grundstück bedroht fühlt. Kein Witz! Mancher hat solchen Leichtsinn schon mit dem Leben bezahlt. – Schon kommt – ich stehe auf dem Bürgersteig – ein richtig wuchtiger Mann schwarzer Hautfarbe über den Hof auf mich zu: Was ich denn hier suche.
Ein Fotomotiv, antworte ich, das Parliament House da drüben, da doch die Gay-Tage bevorstehen. Bist du gay?, fragt er mich. Ich verneine. Er ist es auch nicht, betont er. Aber er habe keine Probleme damit. Da sind wir im Konsens.
Wofür hier Deutschland steht
Natürlich vernimmt auch er an meinem Akzent, dass ich nicht von hier bin. Woher? Germany. – Germany? Das gefällt ihm offenbar. Er grinst. Nein, er sei noch nie dagewesen, erfahre ich. Aber die besten Pornos, die kommen aus Deutschland, versichert er mir und zeigt auf ein riesiges Billboard – gegenüber auf der anderen Strassenseite -, auf dem Erotikprodukte aller Art offeriert werden. Ziemlich geschockt entferne ich mich. Über Deutschland habe ich schon viel Gutes gehört. Dieses Widerliche noch nie.
Kein Ex und Hopp – ganz im Gegenteil
Der Orange Blossom Trail war nicht mein erster Stop. Zuerst brachte ich Kleider und Schuhe, die nur noch die Schränke füllten, zur Sammelstelle von Good Will, eine Einrichtung, die nahezu alles einigermassen Brauchbare nimmt, es – wenn es sein muss – auffrischt, um es dann gegen wenig Geld wieder zu verkaufen.
Ein Irrtum wäre es, anzunehmen, dass solche Läden nur von Bedürftigen frequentiert werden. Eine ältere, wohlhabende Dame, die wir ürzlich besuchten, zeigte uns voller Stolz ihre neue Liege, die sie spottbillig dort erstanden habe. Und ihre Tochter, fügte sie hinzu, kaufe dort jeden Monat nach Lust und Laune ein und mache damit ihren Arbeitnehmerinnen eine Freude: Das Erstandene werde einfach unter ihnen verlost. Immer “funny”, sagt Charlotte und ich bin geneigt, ihr zu glauben.
Wohlstand und Armut treffen aufeinander
Ich fahre weiter. Die Parramoure-Gegend, ein sozialer Brennpunkt. Wohnplatz der African American, ein Bezirk, der mehr und mehr verkommt und den man verkommen lässt, so ist der Eindruck. Denn er grenzt an die pikfeinen Strassenzüge der Innenstadt. Es scheint, dass Investoren sich diese günstig gelegene Nachbarschaft einverleiben wollen.
Die Politik aber ist gegen solches Begehren eher machtlos. Oder spielt sie sogar mit? Jedenfalls fressen sich prächtige neue Bauten Stück um Stück in das Quartier hinein. Oft ist der Übergang von den abbruchreifen Hütten zum neuen, teuren Stil knallhart.
Ob die Rescue Mission, ein Obdachlosenheim für Männer, das schon immer hier war, der Verdrängung noch lange standhalten kann, halte ich angesichts der gegebenen Machtstrukturen – Geld regiert die Welt – eher für zweifelhaft.
Einige hundert Meter weiter hat die ebenfalls kirchliche Hilfsorganisation Daily Bread ihr bescheidenes, jedoch segensreiches Hauptquartier. In langer Schlange stehen hunderte an, um eine sättigende Mahlzeit zu erhalten.
Man muss von dort nur eine halbe Meile weiterfahren, um gepflegte Restaurants zu finden, in denen man gegen gutes Geld sein Lunch einnehmen kann. Immer wieder fällt mir dieses harte Nebeneinander zweier Welten auf. Hier bittere Armut, dort ein bisweilen gar überbordender Wohlstand.
Unter dem Hammer
Foreclosure heisst ein heutzutage allzu häufig anzutreffendes Droh- und Zauberwort. Der Begriff bezeichnet den Verfall eines Grundstückes samt Bebauung an den Gläubiger, damit die drohende Zwangsvollstreckung. Eigentlich mehr als Bedrohung, meist ist es das Aus. Es sei denn, man erreicht mit seiner Bank einen neuen Deal. Das aber ist selten der Fall.
Als Zauberwort allerdings dient es der Gruppe von Menschen, die sich auf grossen Auktionen einfinden, um sich ein Schnäppchen zu ersteigern. Auf einem der letzten Flüge von Deutschland nach Orlando hatte ich einen Sitznachbarn, der sich darauf spezialisiert hatte. Er, ein Immobilienmakler aus dem Norden Deutschlands, gab vor, genau zu wissen, wo das, wonach er suche, günstig zu holen sei.
Mehr als zehn Prozent aller Häuser in Florida – eine unglaubliche Zahl, doch sie stimmt – stehen unter diesem Signum, in der nur noch die Banken das Sagen haben. Sicher nicht ohne eigene Schuld. Sie haben sich teure Hypotheken für viel zu grosse Häuser aufschwatzen lassen.
Geht dann der Arbeitsplatz verloren, folgt nahezu zwangsläufig das heulende Elend. Das Haus kommt unter den Hammer.
Kürzlich wurde eine Familie auf die Strasse gesetzt, die treu und brav jeden Monat ihre Miete bezahlt hatte. Der Eigentümer jedoch bezahlte mit dem Geld nicht die Hypothekenzinsen, sondern steckte es sich in die eigene Tasche – sicher auch nicht aus Jux. Die Wohnfamilie allerdings staunte nicht schlecht, als eines Tages der Sheriff mit dem Räumungsbefehl in der Hand vor der Tür stand.
Man zahlt mit Food Stamps
Jeder Zehnte im Sunshine State – auch das klingt unwahrscheinlich, ist aber Fakt – erhält inzwischen Sozialhilfe in Form von Food Stamps
(Lebensmittelgutscheinen). Auch das ist eine im höchsten Masse erschreckende Zahl.
Gerade hat der Gouverneur, da das Geld auch in seiner Kasse knapp wird, die Tabaksteuer erhöht, um einen Dollar pro Zigarettenpackung. Das geht hier ganz leicht und umstandslos. Man liest es in einer knappen Meldung in der Zeitung. Und niemand nimmt daran Anstoss, da die Intention des Gouverneurs letzten Endes, wie er sagt, eine edle ist: Es diene der Gesundheitsvorsorge. Die Tabaksteuer ist Ländersache.
Für die Hurricanes kaum gerüstet
Mit günstigeren Nachrichten habe ich einstweilen leider nicht aufzuwarten. Erschwerend kommt hinzu, dass inzwischen die Hurricane Season begonnen hat, für die – wie die aktuellen Umfragen zeigen – nur jeder Dritte gerüstet ist.
Bodenloser Leichtsinn, sich nicht beizeiten wenigstens mit Batterien und Trinkwasser einzudecken, sondern es einfach drauf ankommen zu lassen, so als ob der Hurricane Charley, der vor fünf Jahren erheblichen Schaden verursacht hat, gar nicht stattgefunden hätte. Auch die Stürme der Jahre danach waren nicht ohne. Warten wir’s ab und hoffen, dass es nicht so schlimm kommen möge!
Alles Gute bis zum nächsten Mal.
Günter Apsel




16. Juni 2009 um 13:55 Uhr
Darf ich mal eine ganz abseitige Frage stellen? Welche Zeit empfiehlt sich denn für einen Floridabesuch? Ja wohl nicht gerade die Hurrican Season, oder?
17. Juni 2009 um 09:26 Uhr
Ich will Herrn Apsel (danke für die wirklich sehr anschaulichen Beschreibungen des US-Alltags) nicht vorgreifen, kann aber aus eigener leidvoller Erfahrung sagen: am besten sofort oder wieder im Herbst – bloß nicht im heißen Sommer…
18. Juni 2009 um 15:32 Uhr
Meine Antwort an Ruckzuck und an Sally: Die beste Reisezeit fuer Florida ist nach meiner Erfahrung Mitte April bis Ende Mai. Die Hurricane Season geht von Juni bis November. Ja, der Sommer ist wirklich heiss und wegen der Regenguesse am Nachmittag auch ungemuetlich.
G.A.
19. Juni 2009 um 07:34 Uhr
Waren Sie eigentlich auch schon mal auf den Keys? Das ist ein Traum von mir. Papa Hemingway und so weiter …
25. Juni 2009 um 17:30 Uhr
Verspaetete Auskunft: Ja, natuerlich. Beschreiben kann man’s nicht. Man muss es erleben. Frankfurt – Miami: direkt. Und dann weiter mit dem Leihwagen. Runter bis Key West. Viel Spass!
G.A.
25. Juni 2009 um 19:23 Uhr
Ich hatte auch den Traum (runter bis Key West). Und war dann sehr enttäuscht: Ich kannte aus den Filmen und Büchern noch diese tolle schnurgerade Straße mit den traumhaften Aus- und Abfahrten auf den diversen Keys. Und was ist heute?
Nebenan haben sie eine neue Autobahn gebaut, mit hohen Begrenzungsmauern, über die man aus dem Auto nicht mal drübergucken kann. Die alte Straße haben sie nicht mal abgerissen – die vergammelt jetzt einfach. Da, wo es erforderlich ist (wg. der Durchfahrt für die Schiffe), fehlt einfach das entsprechende Stück (die neu hat da dann eine Bogen-Brücke).
Aktuell wurde sie wohl für den Film “True Lies” mit Arnie Schwarzenegger benutzt – da wurde sie für eine Verfolgungsjagd mit Terroristen teilweise in die Luft gesprengt.
Und Key West ist auch alles andere als romantisch – Hemmingway hin oder her. Dafür haben wir einige traumhafte Tage auf Key Largo verbracht – in einem tollen Motel zum Golf hin. Kristallklares Wasser, Unterwasserparadies zum Schnorcheln, Glasbodenboot… Und die Chefin hatte einen tollen Papagei. Ich klopfe – er sagt “come in!”. Ich gehe rein, keiner da…Auch schon fast wie im Film. Er ulkte auch gelegentlich “I can talk – can you fly?”. Tja, da können einem tierisch die Argumente ausgehen…
Den Haupturlaub hatten wir übrigens bei Verwandten in Ormond Beach in der Nähe von Daytona verbracht. Direkt am Atlantik. Wunderbar – und heiß: Auf dem Asphalt lösten sich die Schuhsohlen auf, barfuß ging gar nicht (Brandblasen). Da könnte ich jetzt stundenlang weitererzählen
Die Amis: Nett, aber unverbindlich. Wie sie eben so sind. Aber besser nett und unverbindlich als mürrisch und unverbindlich, wie es bei uns oft anzutreffen ist.
1. Juli 2009 um 03:47 Uhr
danke fuer den kommentar. ich war vor der jahrtausendwende das letzte mal dort unten. da hat sich wohl vieles nicht zum besseren gewandelt. sie haben es richtig gemacht: sich umschauen und dann dort bleiben, wo’s einem gefaellt. so kommt man auf seine kosten.