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Demütiger Dienst in einer zerbrochenen Welt

Kirchliche Wirklichkeit in Florida

Lake Eola - im Herzen Orlandos

Lake Eola - im Herzen Orlandos

Die Woche hindurch: pulsierendes Leben in Downtown Orlando, rund um den Lake Eola herum; er gibt der Stadt Charme und Flair. Banken, Hochhäuser, die Kuppel der City Hall und Kirchen.

Alle grossen Denominationen sind vertreten. Die Stadt nimmt den Slogan “The City Beautiful” für sich in Anspruch.

Da ist was dran. Disney – etwa 15 Meilen vor den Toren von downtown – bringt reichen Steuersegen. Auch jetzt noch. Vielleicht sogar mehr als sonst? Brot und Spiele erwiesen sich schon in grauer Vorzeit als probate Mittel gegen manche Misere. Das Geld, das hereinkommt, wird klug investiert. Die Stadt gewinnt durch eine sich ständig verbessernde Infrastruktur.

Man hat die freie Wahl und nutzt sie auch

Pulsierendes Leben die ganze Woche hindurch – bis auf den Sonntag. Da ist die Innenstadt fast ausgestorben. Nur die zahlreichen Gottesdienstbesucher bringen Leben rein. Viele fahren zur Feier des Sonntags von weither ins Zentrum, obwohl es doch in den Vorstädten an Kirchen nicht mangelt.

Mit Schaukasten: Fassade der First Presbyterian Church

Mit Schaukasten: Fassade der First Presbyterian Church

Irgendwo hab’ ich gelesen, dass in den USA auf 400 Einwohner eine Gemeinde kommt. Kommt oder kam? Denn dass es mittlerweile stark bröckelt, ist offenkundig.

Trotzdem: Immer und überall habe ich, so lange ich hier bin – und das sind nun beinahe 15 Jahre -, eine ungebrochene Glaubensfröhlichkeit angetroffen. Downtown Orlando aber blüht am Sonntagvormittag auf.

Vielleicht ist es etwas Besonderes, zu einer der grossen Gemeinden der Stadt zu gehören. Man hat ja die freie Wahl. Wo man sich einträgt, da ist man dabei. (Anders als in Deutschland kennt man die Paraochialstruktur hier nicht).

Die Parkhäuser sind geöffnet. Kostenlos. Konkurrenz – warum denn nicht? Nachösterlicher Gottesdienst in der First Presbyterian Church in Downtown Orlando und auf dem Programm lese ich so etwas wie eine “Mission Vision”, die sich die Gemeinde gegeben hat: “Demütiger Dienst in einer zerbrochenen Welt”.

Und noch etwas: Die Gemeinde verstehe sich als das “Herz der City”. Ob diese Selbsteinschätzung den benachbarten Kirchen gefällt? Denn die sind auch alles andere als unscheinbar.

Gleich nebenan steht die Kirche Methodisten, die sich die unbescheidene Abkürzung “First Church” gegeben hat. Dazu sind in nicht allzu weiter Entfernung die Baptisten ebenso vertreten wie die Katholiken und Episkopalen.

Türmchen vor einer Bankfassade

Türmchen vor einer Bankfassade

Kirchen und moderne Büro-, Bank- und Apartmenthäuser mächtig überragen, bestimmen die Silhouette von downtown Orlando. Hierhin verirrt sich übrigens kaum ein Tourist, der in Disneyworld sein Vergnügen sucht. Und das ist gut so. Je lebendiger, je besser

Ein Gottesdienst mit allem, was dazugehört: ein heute besonders gut gefülltes Haus, denn es wird Konfirmation gefeiert, ein etwa vierzigköpfiger Chor, eine lebhafte Predigt, die nicht etwa von der Kanzel gehalten wird, sondern in freier Bewegung von links nach rechts und umgekehrt.

Langeweile? Nicht eine Sekunde. Es werden Geschichten aus dem Leben und aus der Bibel vorgetragen, die es in sich haben. Über Verlorene und Gefundene. Da mag sich der verkopfte Europäer wohl fragen, wie lange dieses enge theologische Strickmuster noch Anklang finden wird.

Zunächst aber geht es noch. Als nach der Predigt das Lied “Amazing Grace”, das das Verlorenheitsthema aufs schönste und authentisch aufnimmt, angestimmt wir, singen alle kräftig und hingebungsvoll mit.

Zur Kollekte wird mit einem Videoclip ermuntert. Im Focus auch die Kollekte, die diesmal nicht für die eigene Gemeinde bestimmt ist. Vielmehr zur Finanzierung von Rollstühlen für die Armen an den entlegenen Enden der Erde, für die, die durch Krankheit oder Minen ihre Beine verloren haben.

Der Videoclip macht den Kollektenzweck anschaulich, zeigt eindringlich, um was es geht.

Meine deutschen Gäste finden das zu dick aufgetragen. Ich nicht. In solchen Situationen frage ich mich, wie amerikanisiert ich eigentlich schon bin.

Phantasie, die keine Grenzen kennt

“Taste of Compassion – A Night to Remember”: Nur noch zwei Tage bis dahin, der Countdown läuft. Eine Straßenparty soll es werden. Mit großem Entertainment.

Aufgeboten sind mehrere Bands, eine Auktion ist geplant und an Kulinarischem wird es nicht fehlen, serviert von den besten Restaurants der Stadt. Fast food? Nix da!

Zum Stil des Unternehmens gehört es, dass man Tische für 16 oder acht buchen kann, in abgestufter Ausstattung und Preisen, die sich von 5000 Dollar (Diamantenklasse) bis hinunter zu 600 Dollar (Corporate Table) bewegen. Der Einzelsitz – auch im Angebot – kostet bescheidene 75 Dollar.

Wer immer in Deutschland auf Fundraising-Qualifikation aus ist, kann hier mindestens Praxiserfahrungen sammeln.

Leider war ich an der Teilnahme des Strassenfestes gehindert, sonst wäre noch die Musik in meinen Ohren und die Möglichkeit einer detaillierten Schilderung gegeben. So aber muss es bei dem Hinweis bleiben: Sicher war’s erfolgreich.

Alles geschieht für gute Zwecke

Mit schlankem Turm: First United Methodist Church in Orlando

Mit schlankem Turm: First United Methodist Church in Orlando

Der Gesamterlös der “Taste of Compassion-Nacht” war wiederum nicht für den eigenen Bedarf bestimmt, sondern für die Central Care Mission, die sich mit einem breitem Hilfsprogramm der Obdachlosen in der Metro Orlando annimmt.

Die Person soll im Blick sein: Man will die unter die Räder Gekommenen wieder auf die Beine stellen. Es gibt viele solcher Gestrandeten – zu viele. Ist Florida wegen seines günstigen Klimas auch für solche Menschen ein Anziehungspunkt? Fast scheint es so.

Andere aber strampeln sich ab

First Presbyterian mit etlichen tausend Mitgliedern und fünf Pfarrern: das Herz von downtown. Das zielgruppenspezifisch konzipierte Wochenprogramm ist in seiner Fülle kaum überschaubar. Der flüchtige Blick auf die Seitenzeigt: Für jeden ist was dabei.

Darum bemühen sich andere Gemeinden auch, jede auf ihre Weise. Und manche haben’s schwer, fristen auf manchmal anrührende Weise ein Mauerblümchendasein in geradezu hoffnungsloser Konkurrenz zu den Megakirchen (zu denen die in Downtown Orlando nicht zu zählen sind), die die Menschen mit geradezu magnetischer Kraft anziehen – und tun doch in Nachbarschaft viel Gutes.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus

In Lutz, einem Städtchen im Grossraum Tampa, besuchte ich vor Monaten einen Gottesdienst der Methodisten. Er fand in einer grossen Halle statt: ein karges, fensterloses Gebäude. Das verwirrte mich.

Ich fragte den Usher (Begrüßer und Platzanweiser), was das denn für eine merkwürdiges Kirchengebäude sei. Nein, das ist die Sporthalle, die Kirche wird später gebaut. Erstaunt fragte ich nach, wer das denn alles bezahlen soll. Lachend schaute mein Gegenüber mich an, wies mit seinem Finger auf meine Brust und antwortete: You.- So geht es hier zu.

Und darüber ließen sich noch weitere hundert Beispiele erzählen. Die Institution interessiert wenig, das eigene Engagement zählt. Demütig, fröhlich, bescheiden und beständig ist der Dienst vieler Christen in ihren Gemeinden.

Und unersetzlich. – Bis zum nächsten Mal.

Günter Apsel

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