Blühende Blume in grauer Gasse

Bild gemalt von Uta Weber, Köln
Die meistgetragene Kleiderfarbe in unserem Viertel ist grau – so grau wie die abgeblätterten Fassaden der Häuser, so grau wie der schlaglochübersäte Straßenbelag, so grau wie die Katzen, die schnell Deckung vor den vorbeieilenden Passanten suchen. Nur selten verirrt sich ein dezentes Blumenmuster auf die langen Röcke der Frauen, allenfalls ein sehr gedecktes Grün oder Blau ergänzt das alles dominierende Einheitsgrau.
Ganz anders Meryem – die Blume unseres Viertels, und an jedem Tag mit einer anderen Blüte: die Tochter des frommen Kaufmanns an der Straßenecke, 17 Jahre jung, an jedem Tag für ein paar Stunden hinter der Kasse des kleinen Ladens – denn an jedem Tag trägt sie ein anderes Kopftuch, und nie ist eines grau – auch nicht einfach nur blau oder nur grün oder nur rot, sondern immer grellblau oder grellgrün oder grellrot – auf jeden Fall immer irgendwie schrill.
Eine auffällige und selbstbewusste junge Frau im tristen Gassengrau eines Istanbuler Zuwandererviertels: So stand sie eines Tages vor unserer Tür, mit einem geradezu schreiend pinkfarbenen Kopftuch, ob sie sich einmal die Kirche anschauen könne – ein ungeheurer Vorgang!
Entsprechend aufmerksam wurden die grauen Männer vor dem Teehaus nebenan. Denn außer den Handwerkern mit Auftrag und den Kindern, wenn sie ihren Ball wieder einmal über das Tor geschossen hatten, würde niemals einer der anatolischen Nachbarn unser Gebäude oder Gelände betreten. Sie aber hatte sich an diesem Tag anders entschieden; sie wollte nun endlich einmal sehen, was sich hinter der Straßenfassade des Gebäudes, das sie so lange schon kannte, verbarg. Sie ließ sich alles zeigen – die Gemeinderäume, den Hof, die Kirche, die Orgel; sie stellte Fragen und hörte interessiert auf die Erklärungen. Dann bedankte sie sich freundlich und ging – so selbstbewusst und so selbstverständlich und so bunt, wie sie an der Kasse des Ladens agierte.
Und zumindest die Gesichtsfarbe der Männer vor dem Teehaus nebenan hatte in diesem Moment das Einheitsgrau der Gasse verlassen.

14. Mai 2009 um 08:13 Uhr
Hallo, Herr Nollmann, toll geschrieben! Ich war schon mal in Ihrer Kirche und Ihrem Viertel und kann mir die Szene lebhaft vorstellen. Gruß, ankele
19. Februar 2010 um 23:51 Uhr
Achja;
Lasset doch die Leute anziehen was und wie sie möchten!
13. März 2010 um 23:50 Uhr
Danke für diesen Beitrag:
Istanbul ist die Perle der Europäischen Kulturstädte!
Jeder muss einmal dort gewesen sein.