UK - Unsere Kirche > Startseite

Wenn du krank bist in Amerika

Krank in Amerika

Das Winnie Palmer Hospital: Wer gut versichert ist oder Geld hat, ist hier hochwillkommen.

88 Jahre ist sie alt und damit ist sie unser zweitältestes Gemeindemitglied. Von Anfang an dabei. Die Martin-Luther-Gemeinde in Orlando ist vor 34 Jahren gegründet worden. Ein Hausbesuch. Nachdem sie am vergangenen Sonntag nicht zum Gottesdienst erschienen war, wusste ich Bescheid: Mindestens ein Anruf. So geschah’s. Dann verabredeten wir uns. Ja, sie habe es auch schon im Sinn gehabt, mich anzurufen, sagt Sophia Bauer (Name geändert) mit vernehmbar schwacher Stimme.

Gut zwanzig Kilometer sind es bis Casselberry, diesem ansehnlichen Wohnbezirk nördlich von Downtown.

Als ich in die Einfahrt des geräumigen, doch bescheidenen Flachbaus einbiege, sehe ich sie im Schatten des Hauses vor der Tuer im Gartenstuhl sitzen. Es ist fünf vor elf. “Pünktlich, wie immer”, begrüsst sie mich. Ich aber bin froh, dass es keinen Stau auf der Interstate 4 gegeben hat. Pünktlichkeit verpflichtet.

Gute Nachbarn sind Gold wert

88 Jahre und seit mehr als sechs Jahrzehnten in Amerika! Nachdem Ernst, ihr Mann, vor sieben Jahren gestorben ist, lebt sie allein. Sie hat gute Nachbarn und Freunde, die sich um sie kümmern. Else ruft jeden morgen um 10 Uhr an, erkundigt sich. Und als sie vor einigen Monaten an der Gürtelrose erkrankt waren, nahmen sich die beiden jungen Männer aus dem benachbarten Haus ihrer an. Sie kamen jeden Abend und trugen die Heilsalbe auf. “Die zwei sind ein Geschenk”, sagt Sophia.

Irgendwann nimmt unser Gespräch die Wende auf das Thema, das alle Alten bewegt: Wie steht es mit der Krankenversicherung, wie mit der Pflege? Sophia, so lange schon hier, lächelt verschmitzt, als sie mitteilt, dass sie ja für den Notfall die Pflegeversicherung in Deutschland habe. Ja, so ist es. Die Bauers – ein Leben lang im Lande – haben nie die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt. Das Dauervisum war ihnen genug.

Verwirrung statt Klarheit

Sie ist versichert. Es ist die staatlich gelenkte Altersversicherung Medicare, der sie angehört. Somit ist ein Grossteil der Kosten abgedeckt, für die stationäre Behandlung (Part A) allerdings nur 80 Prozent. Die verbleibende Lücke von 20 Prozent hat Sophia – wie die meisten es tun – durch eine Zusatzversicherung geschlossen. Dafür zahlt sie allerdings jeden Monat mehr als 500 Dollar. Anders geht’s nur, wenn man eine Alternative wählt, in der man eine deutlich eingeschränkte Versorgung akzeptiert.

Zur Notfallstation

Zur Notfallstation

Ein sehr kompliziertes System, das man kaum durchschaut. Jedes Jahr bekommt meine Frau (sie ist amerikanische Staatsbürgerin) allein für Medicare Part D eine dicke Broschüre zugesandt, in der die sich ständig ändernden Vorschriften und Leistungsumfänge aufgelistet sind. Gelesen wird’s selten, verstanden nie. Der Zweck dieser jährlichen Übung besteht darin, dass man sich kundig machen möge, um bei Bedarf den Versicherer für Part D zu wechseln. Das ist nur einmal im Jahr während einer festgelegten Frist möglich.

Part D ist ein Versicherungsteil, mit dem Rentner ihren Medikamentenbedarf decken. Allein auf diesem Markt tummelt sich jede Menge Anbieter. Diese Versicherung – unter dem Regiment von George W. eingeführt – wurde als Riesenerfolg gepriesen. Herausgekommen ist ein ziemlich konfuses System.

Staatsgelder in beträchtlicher Höhe fliessen den Versicherungsgesellschaften zu. Der andere Teil der Einnahmen wird durch die Beiträge der Versicherten gezahlt. Die Höhe variiert je nach Leistung. Unter dem Strich, so ist mein Eindruck, verdient niemand anders als die auf Profitbasis arbeitenden Gesellschaften. Nicht unterschlagen werden soll freilich der Hinweis darauf, dass es mit der Einführung von Part D deutlich besser geworden ist.

Gewinner bleibt die Pharmaindustrie

Vorher mussten nämlich die Medikamente zur Gänze aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Da blieb – bei der exorbitanten Kostenhöhe spezieller Pillen – für manchen chronisch Kranken kaum noch etwas zum Leben übrig. Nicht wenige, die einen Ausweg suchten und ihn darin fanden, dass sie sich ihren Bedarf aus Kanada schicken liessen. Wegen ihrer Preispolitik steht die Pharmaindustrie seit langem unter Dauerkritik.

Mit Part A wird also die stationäre Behandlung zu 80 Prozent abgedeckt. Part B steht für die ambulante Versorgung (teilweise auch mit Zuzahlungen der Patienten), Part D deckt die Medikamente ab. Zu der Frage, ob es Part C gibt und – wenn ja – wofür, vermag ich keine Auskunft zu geben.

Längeres Leben kann zum Bankrott führen

Zurück zu Sophia Bauer (falls noch jemand weiterlesen möchte). Sie sei ganz gut abgesichert, betont sie. Wenn sie eines Tages ins Krankenhaus käme und von dort in ein Pflegeheim, so würden – mindestens für einige Monate – die Kosten voll erstattet werden. Da habe sie vor Jahren, als ihr Mann ins Pflegeheim musste, einen schweren Fehler begangen. Sie habe sie gleich an das Heim gewandt. Hätte sie damals den Umweg über das Krankenhaus gewählt, so wären ihr nicht die erheblichen Zusatzkosten in Rechnung gestellt worden. Mehr als 20.000 Dollar für die vergleichsweise kurze Zeit, die Ernst dort noch zu leben hatte.

Ich erinnere mich gut an jene Zeit. Sophia wusste, dass es mit ihrem Mann zu Ende gehen würde. Hoffentlich dauert’s nicht zu lange, hörte ich sie damals sagen. Denn sonst würden ihre sämtlichen Ersparnisse draufgehen. Bis zu einem recht geringen Minimum musste man – und muss man es wohl auch heute noch – die nicht unerheblichen Zusatzkosten, die die Versicherung nicht abdeckt, zahlen, bevor staatliche Hilfe einspringt.

Alles in allem: Obama hat viel zu tun. Ob ihm allerdings eine durchgreifende Reform des Gesundheitssystems gelingen wird, bezweifeln viele. Es würde voraussetzen, dass es gelingen würde, die Lobbyisten der Pharmaindustrie vollends aus Washington zu verjagen.

Nie ohne Versicherung ins Ausland!

Krank in den USA: Ein langes Leben kann den Ruin bedeuten

Krank in den USA: Ein langes Leben kann den Ruin bedeuten

Ich komme zum Schluss meines heutigen Beitrags und bin mir dessen bewusst, wie wirr das alles ist: Eine Zumutung an die Lesenden. Das Gesundheitssystem in Amerika ist ja sprichwörtlich schlecht. Für mich als Gast (im Status eine permanent resident) kommen noch ganz andere Schwierigkeiten hinzu.

Sicher ist: Wer hier als Ausländer lebt und keine Auslandsversicherung in seinem Heimatland abschliessen konnte, läuft Gefahr, während eines einzigen Krankenhausaufenthaltes pleite zu gehen.

Als ich mich kürzlich wieder um eine längerfristige Auslandsversicherung in Deutschland bemühen musste (die bis dahin bestehende hatte es abgelehnt, mich weiterzuversichern), hatte ich eine Menge zu tun, bevor ich eine Gesellschaft fand, die mich aufnahm.

Die meisten privaten Versicherer haben eine Altersobergrenze. Altersdikriminierung? Vielleicht doch nur Fürsorgliches: Bleib im Lande, dann bleibt dir manches erspart! Oder aber eine Sozialkomponente frei nach der Devise: Lass doch bitte die deutschen Ärzte nicht zugrunde gehen!

Bis zum nächsten Mal. Günter Apsel

2 Kommentare zu „Wenn du krank bist in Amerika“

  1. Ruckzuck sagt:

    Ich habe mich immer gefragt, warum das Sozialversicherungssystem in den USA so sprichwörtlich dünn ist. Wie passt das denn zum amerikanischen Traum von Gleichheit?

  2. guenter apsel sagt:

    Es gibt keinen Gleichheitstraum in Amerika. Erstes Motto ist vielmehr: Hast Du was, dann bist du was. Eine Folge der calvinistischen Praedestinationslehre? – Jeder sorgt fuer sich: eine verbreitete Lebensphilosophie.
    G.A.

Kommentieren