Alles ist möglich – nur den Kopf nicht hängen lassen!
Ich bin für einige Tage in Deutschland. Lapidare Feststellung: Mit unverminderter Schärfe geht die Wirtschaftskrise um – dort wie hier.
Die einstweiligen Folgen allerdings sind dieseits des Atlantiks längst nicht so zu spüren wie dort im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Möge es doch hier bei uns milder bleiben, mögen wir von zu grossen sozialen Unruhen bewahrt bleiben! Mein Eindruck ist, dass “der Amerikaner” besser mit dem Schweren umzugehen imstande sei.
Deutsche Fähigkeiten – damals und heute
Mag sein, dass ich mich in dieser Einschätzung irre. Denn ich weiss doch um die deutsche Tüchtigkeit, um die Leistung nach dem Kriege und so weiter. Schliesslich gehöre ich doch selbst zu jener Generation, die es aus dem Totalverlust von Heimat und Habe zu etwas gebracht hat. Ich vergesse es nicht.
Doch ich sehe auf der anderen Seite eine neue deutsche Fähigkeit: die Fähigkeit des Jammerns. Ich schreibe es nieder, obwohl es wohl nicht ankommt. “Weniger jammern”, habe ich kürzlich in einem kleinen Interview als Wunsch an meine deutschen Mitmenschen formuliert. Die Redakteurin des Kirchenblättchens bat mich, es fallen zu lassen. “Das hören wir nicht gern”, lautete die Begründung. Also strich ich die Bemerkung – lass sie hier aber stehen.
Parade guter Taten
Wie nun geht man in Amerika mit den Folgen der Krise um? Meist mit aktivem Tun. In den Abendnachrichten des von mir favorisierten Fernsehsender NBC (mit Brian Williams) werden jetzt fortlaufend Beispiele kleiner, guter Taten gebracht. Eine Lehrerin, die armen Kindern aus ihrer Tasche die Schulspeisung bezahlt. Ein Kinobesitzer, der an einem Tag der Woche aufs Eintrittsgeld verzichtet. Ein Gastwirt, der es den Gästen überlässt, welchen Betrag sie fürs Essen bezahlen. Es geht um praktische Hilfe, um phantasievolles Tun.
Das Riesenproblem der wirtschaftlichen Misere wird dadurch nicht gelöst und über den Berg sind wir noch lange nicht. Und doch sind es allemal, wie ich finde, kleine Hoffungszeichen, wenn man den Kopf nicht einfach hängen lässt, sondern wenn man etwas tut.
Sparen am falschen Ende
Die fehlenden Steuereinnahmen zwingen derzeit zu sehr spürbaren Einschnitten. Dass hier und da die Strassenbeleuchtungen abgeschaltet werden, mag man noch achselzuckend hinnehmen. Schwerer wirken sich einseitig verfügte Lohnkürzungen aus. Ganz schwierig aber wird es, wenn sich die Verwaltung genötigt sieht, Lehrer zu entlassen oder – wie es gerade in Orlando geschieht – Schulen ganz zu schliessen. Es sind sechs an der Zahl, denen das Ende droht. Zusammenlegung ist dann ein anderes Wort für die Pleite der öffentlichen Kassen.
Es ist ganz verrückt: Während Millionen die Puste ausgeht, wird alles teurer. Die Gebühren für die Zollstrassen, von denen es eine ganze Menge gibt, werden drastisch angehoben. Auch die Stromrechnung steigt. Dank Aldi aber (die Kette hat sich in Florida vor einigen Monaten eingefunden und eine Reihe von Filialen eröffnet) sinkt wenigstens der Milchpreis. Wie das? Nun, Aldi unterbot den üblichen Preis für eine Gallone Milch ganz signifikant. Da blieb den Supermärkten nichts anderes übrig als nachzuziehen.
Tapfere gehen auf die Strasse
Wie reagiert man nun auf diesen schwer begreiflichen Vorgang? Man demonstriert. Und zu hoffen ist, das solcher Druck helfen möge. Denn dass im reichsten Land der Welt Geld für die Bildung – die wichtigste Zukunftsinvestition – fehlen soll, ist ein Skandal. Natürlich demonstriert nur eine Minderheit. Viele, zu viele haben andere, existenzielle Sorgen, sind ganz und gar unter die Räder gekommen. Sie leben von “Food Stamps”, Lebensmittelgutscheinen, die die Behörden auf Antrag verteilen. Jeder Lebensmittelhändler löst sie ein.
Der Staat in der Sackgasse
Und der Staat? Man weiss, dass die Druckerpressen, die Geld drucken, auf hohen Touren laufen. Wird es gut gehen? Auf regionaler Ebene aber greift Ratlosigkeit um sich. Die kassen sind leer. Denn der Tourismus geht zurück und damit die Steuereinnahmen (Disney!), die bisher immer so munter sprudelten. Von ihnen besonders lebt nicht nur die Orlando-Area. Schon sind einige Grossprojekte auf Eis gelegt.
Da aber solches nicht reicht, sinnt man auf zusätzliche Einnahmen. Das Letzte, was den Abgeordneten kürzlich einfiel: Besteuerung von Bibeln (bei deren Kauf) und beim Friseur. Das waren Bereiche, die bisher steuerfrei waren und es wohl auch bleiben werden. Denn kaum war der Plan ans Licht gekommen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Hier weiss man noch etwas von den wahren Werten.
Bis zum nächsten Mal! – Günter Apsel

