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Dreimal Nationalfeiertag und Elisabeth Käsemann

Demonstranten am Día de la Memoria

Die Avenida de Mayo am 24. März: In Händen der Demonstranten

Am 24. März war in Argentinien der 33. „Día de la Memoria“, übersetzt etwa Tag der Erinnerung. Erinnert wird an diesem Tag an den Beginn der Militärdiktatur 1976, während der in ganz Argentinien 30.000 Menschen „verschwunden“ sind – daher der Name „Desaparecidos“. Die Verschwundenen wurden verfolgt, am helligten Tag vom Militär verschleppt, gefoltert, ihrer Neugeborenen beraubt, getötet oder über dem Río de la Plata aus Flugzeugen geworfen.

Dieser Teil der argentinischen Geschichte rückt in den Tagen um den 24. März sehr stark in den Fokus der Gesellschaft und es finden viele Aktionen dazu statt. Ich habe den Feiertag auf mehrere Arten erlebt: Im Projekt, in meinem Viertel und auf einer nationalen Demonstration.

In meinem Projekt, La Paloma, haben wir, um die Kinder an das Thema heranzuführen, mit den Betreuern ein Theaterstück aufgeführt, eine abgewandelte Form des Kinderbuches „Das Volk, das nicht grau sein wollte“. In der Erzählung befiehlt ein gelangweilter König was ihm gefällt, bis er eines Tages alle Häuser grau haben will. Jemand sieht Tauben, die rot, blau und weiß sind und streicht spontan sein Haus in den Farben. Erzürnt ordnet der König seinen Soldaten an, den einen Mann zu schnappen. Der Soldat geht ins Dorf, aber es sind schon zwei. Nicht wissend, wen er nun mitnehmen soll, berichtet er von den beiden Männern. Der König fällt vor Schreck auf den Rücken und befiehlt, beide herzubringen. Wieder im Dorf sind es wieder mehr geworden, die irgendwann zum König marschieren, alles rot, blau und weiß hinterlassend. Der König fällt vor Schreck auf den Rücken und steht nicht mehr auf, während die Tauben in andere Länder fliegen.

Demonstranten1

Demonstranten in Avenida de Mayo

In unserer Version haben wir die Kinder kurzerhand zum Volk gemacht und alle Farben verboten, die Kinder mussten schwarze Sachen tragen. Dass der König am Ende weg war, fanden sie alle toll und dann haben wir sie direkt gefragt, warum das so toll ist und sind so auf das Thema der demokratischen Werte gekommen. Dann haben wir kurz die Militärdiktatur erklärt und in den Tagen darauf Filme dazu geschaut und Bilder zu der Geschichte geguckt.

Klar kannten die meisten Kinder das Thema schon aus der Schule, aber wir haben die Hoffnung, dass sie sich diesen Teil ihrer Geschichte nun besser einprägen.

In meinem Viertel („Barrio“), Flores, gehe ich oft zu einer kleinen Videothek, in der ich mich gerne von dem Inhaber beraten lassen. Am Abend vor dem Feiertag hat er auf einer Plaza eine Leinwand aufgebaut und den Film „Buenos Aires 1977“ gezeigt. Etwa 50 Leute sind gekommen, eine ältere Frau neben mir ist wieder gegangen, ihr war der Film „zu hart“. Er basiert auf Zeugenaussagen und dokumentiert detailliert die völlig grundlose Gefangennahme eines jungen Mannes und seine anschließende Flucht aus dem Haus, das in ein Folterzentrum umfunktioniert wurde.

Vor dem Film habe ich mich mit einer Uruguayerin unterhalten, die mit ihrer Familie vor der dortigen Militärdiktatur geflohen ist. Sie gab mir die Kopie der letzten Publikation des kritischen Journalisten Rodolfo Walsh, „Offener Brief an die Militärjunta“. Am Tag der Publikation, den 24. März 1977, wurde er von Militärs gefangen genommen und getötet.

Am 24. März gibt es jedes Jahr eine Demo vom Kongress zur Plaza de Mayo, der Vorplatz des Regierungsgebäudes Casa Rosada. Für die 30.000 Verschwundenen waren mindestens so viele Demonstranten und Zuschauer unterwegs. Es protestierten natürlich allen vorneweg die Abuelas („Großmütter“) und Madres („Mütter“) der Plaza de Mayo, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kinder der Verschwundenen, oft direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt, zu ihrer wahren Familie zurück zu führen. Außerdem waren da Menschenrechtsorganisationen, Leute aus verschiedenen Stadtvierteln, Universitäten, Kirchen, Parteien, Menschenrechtsorganisationen und soziale Einrichtungen sowie Tausende Zuschauer. Als ich Freiwillige aus einem anderen Projekt gesehen habe, bin ich mit ihnen ein Stück mitgelaufen. Es war eindrucksvoll, so viele Menschen in der fünfspurigen Avenida de Mayo, singend, klatschend, rufend, tanzend. Sie alle haben verdeutlicht, dass die „Verschwundenen“ nicht vergessen sind.

Abends habe ich Elisabeth Käsemann kennen gelernt. Nein, leider nicht persönlich, denn sie war ein Opfer der Diktatur und liegt heute in Tübingen begraben. Sie war gebürtige Gelsenkirchnerin und Osvaldo Bayer hat mit Frieder Wagner einen Film über ihr kurzes Leben in Lateinamerika gedreht. Als Sozialarbeiterin arbeitete sie mit eisernem Willen in den Armenvierteln von Buenos Aires und verließ das Land auch nicht, als es für Ausländer zu gefährlich wurde. Auf Einladung der besuchenden Delegation der Gelsenkirchener Lukasgemeinde wandte sich Osvaldo Bayer persönlich an das Publikum und machte auf die Gemeinsamkeiten der Militärherrschaft zur deutschen Vergangenheit des Dritten Reiches aufmerksam. „Zum Glück“, so der argentinische Schriftstiller und Menschenrechtsaktivist, „gibt es heute Richter, die die verbliebenen Täter verurteilen – nach 30 Jahren.“

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