Shabat Shalom Teil I

Darf man am Shabat einen Kirchturm besuchen?
Der Shabat ist ein Familientag. Viele jüdische Bewohner Israels nutzen die Gelegenheit für einen Ausflug. Am Samstag besichtigen sie unsere Kirche und steigen auf dem Turm, trinken einen Kaffe in unserem Café Auguste Victoria und genießen den freien Tag vor dem stressigen Wochenbeginn am Sonntag. Oft veranstalten samstags russische Israelis Konzerte in der Kirche und die bis zu 500 jüdischen Besucher erfreuen sich an Bach, Mendelssohn und Händel.
Wie unser Sonntag, könnte man meinen. Doch wer an einem Shabat einmal Kirchendienst in der Himmelfahrtkirche in Jerusalem geleistet hat, wird bald merken, dass es doch entscheidende Unterschiede gibt.
Neulich besuchte uns am Shabat eine religiöse jüdische Famile, die keinen Eintritt für den Turmbesuch bezahlen wollte. „Am Shabat dürfen wir nichts tragen, also auch kein Geld“ sagte der Vater zur Begründung.
Auf meine Frage mit Blick auf den gerade geparkten Wagen, ob man denn am Shabat mit den Auto fahren dürfe, antworte das Familienoberhaupt selbstbewußt: „Das hat unser Rabbi uns erlaubt.“
Schnell lernt man, dass es nicht nur eine Regel gibt und dass jeder Rabbi und jede Synagoge die Gebote unterschiedlich auslegen kann.
„Wird das Geld für den Turm nur für den Turm benutzt oder auch für die Kirche?“, fragte mich vor einigen Wochen der Leiter einer orthodoxen Gruppe, die auf den Turm steigen wollte. Ehrlich antwortete ich ihm, dass wir beispielsweise auch die Glühbirnen in der Kirche mit diesem Geld finanzieren. „Dann können wir leider nicht auf den Turm, denn wir dürfen kein Geld für einen Götzentempel geben“, war seine Antwort und so machte sich die Gruppe wieder auf den Weg – vorbei an Israelis aus Tel Aviv, die sich mit Kameras und Rucksäcken schwer bepackt Richtung Kirche bewegten.

24. März 2009 um 11:55 Uhr
Hallo Michael, danke für den hoch interessanten Einblick in Eure Shabat-Erlebnisse. Nun lös doch aber bitte die Frage auf – Du hast uns jetzt natürlich neugierig gemacht: Ist die Familie auch ohne Geld auf den Turm gestiegen? Kann man die Strategie “ich darf nichts mit mir tragen, also auch kein Geld” vielleicht auch in israelischen Museen oder Geschäften anwenden? Wäre ja ein klasse Insider-Tipp. Demnächst (8. – 16. Mai) wird übrigens eine UK-Lesergruppe im Heiligen Land unterwegs sein (ich bin auch dabei). Mal schauen, ob wir Euch treffen – eventuell für ein Foto vom Turm herab. Die Aussicht von dort oben ist ja wirklich grandios.
Herzliche Grüße,
Gerd-Matthias Hoeffchen (UK-Red.)
25. März 2009 um 11:42 Uhr
Lieber Gerd-Matthias,
klar ist die Familie auf den Turm gekommen. Aber über das Auto hätte ich mit dem Rabbi schon gerne diskutiert. Oder vielleicht überlasse ich das lieber Rabbiner Rabinowitz aus Wuppertal: http://www.judaic.de/Oeko1.html.
Die Idee mit den Geschäften ist natürlich clever – nur die haben am Shabat geschlossen und ob sich die Palästinenser auf eine talmudische Diskussion einlassen?
Wir würden uns jedenfalls sehr auf einen Besuch der UK-Leserreise auf dem Ölberg freuen. Über den Turmeintritt können wir ja verhandeln-zumindest am Samstag.