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Überall gefragt: Deutschsprachige Dienste in Florida

Soeben bin ich vom Gottesdienst unserer Martin-Luther-Gemeinde Orlando, Florida, in meine vier Wände zurückgekehrt. An die fünfzig Menschen hatten sich heute – am Nachmittag um drei – zur Feier des Sonntags eingefunden. In der Kartei führe ich hundert Namen, also ist es ein exzellenter Schnitt.

Sie sind zum Teil von weither angereist, zum Beispiel von der Atlantikküste noch hinter Daytona Beach. Anderthalb Stunden Fahrt pro Strecke. Auch einige Gäste aus Deutschland haben den Weg zu uns gefunden.

Deutsch als Magnet

Was ist es, so frage ich mich immer wieder, das normale Zeitgenossen veranlasst, solche Wege auf sich zu nehmen? Die einfache und wohl auch richtige Antwort lautet: Es ist die Muttersprache. Denn Gottesdienste werden hierzulande fast an jeder Straßenecke angeboten. Die Muttersprache und wohl auch das gesellige Beisammensein im Anschluss an jeden Gottesdienst. Zeit zum Austausch, zum Kennenlernen, zum Schwätzchen.

In Sun City Center, 20 Meilen südlich von Tampa, hat kürzlich die Jahreskonferenz der floridianischen Gemeindegruppen deutscher Sprache stattgefunden. Die offizielle Bezeichnung lautet: Regionalkonferenz der DELKINA, wobei die Abkürzung für »Deutsche Evangelisch-Lutherische Konferenz in Nordamerika« steht. So was gibt’s.

Etwa ein Dutzend Gruppen waren vertreten. Die meisten arbeiten als unselbstständige Zweige amerikanischer Kirchengemeinden. Ihre Entstehung verdankt sich in der Regel glücklichen Zufällen. Wir aber haben einen offiziellen Status innerhalb der ELCA (Evangelical Lutheran Church in America).

Deutsche Clubs, deutsche Gottesdienste

Ein Entstehungsbeispiel: Ocala, ein Ort der Pferdezucht im Herzen Floridas. Vor vier Jahren zog ein kirchentreues evangelisches Ehepaar dorthin, eröffnete ein Bed and Breakfast. Das floriert. In Ocala gab’s alles – sogar zwei deutsche Clubs, doch keinen Gottesdienst in der Muttersprache. Inzwischen gibt’s ihn, einmal im Monat.

In der Startphase habe ich mitgeholfen, bin etliche Male sieben Stunden unterwegs gewesen, um meine Predigt abzuliefern. Inzwischen schafft man’s dort aus eigener Kraft. Man hat einen amerikanischen Pastor im Ruhestand gefunden, der in grauer Vorzeit an der Hamburger Uni deutsch gelernt hat.

Joint-venture mit der EKD

In Sun City Center war ein Oberkirchenrat der EKD zu Gast. Der hatte am Tag zuvor den neuen deutschen Pfarrer in Miami eingeführt. Die Stelle: ein joint-venture, ein Kooperationsmodell zwischen der lutherischen Kirche in Amerika und der EKD. Sehr sinnvoll, denn in Miami und Umgebung leben viele Deutsche.

Die EKD müsse viel mehr für die Deutschen in Florida tun, forderte einer mit der Begründung, man zahle ja schließlich seine Kirchensteuer in Deutschland. Auf Mallorca und in Thailand helfe man ja auch. Hier aber, in Florida, lebten inzwischen um die 300.000 Menschen deutscher Zunge.

Der diese Forderung erhob, war aus der Gruppe der Langzeiturlauber. Von solchen Zeitgenossen deutscher Zunge gibt es allein in der Gegend von Fort Myers, am Golf von Mexiko gelegen, Zehntausende.

Ohne »Moos« keine Chance

Wenn ich nun hinzufüge: gealterte Zahnaerzte, so stimmt das natürlich nur tendenziell. Doch einigermaßen begütert muss man schon sein, wenn man hier Fuß fassen will – unter der einschneidenden Voraussetzung, dass man sein Domizil nur jeweils für ein halbes Jahr bewohnen darf. Die Bestimmungen lassen es nicht anders zu.

Daraus hat Walter Kreutzer (Name geändert) das Beste gemacht. Sechs Monate Florida, die übrige Zeit auf Teneriffa. Ab und zu mal in Deutschland, um zu sehen, ob alles noch steht.

Die auf Dauer hier leben, sind allerdings Menschen wie du und ich. In der Regel haben sie sich hierhin verheiratet. Eine von denen, so erfuhr man in Sun City Center, sei vor kurzem gestorben. Im Alter von 102 Jahren.

Das teilte die Pfarrerin mit, die die Beerdigung gehalten hat. Die Heimgegangene – eine ehemalige Steglitzerin. Ja, Berlin-Steglitz. Dort wäre sie wohl kaum so alt geworden, mutmaßte die Theologin, die eigens zum Zwecke dieser Amtshandlung nach Florida gekommen war. Die Angehörigen hätten es gewünscht.

Dienstreise: zur Beerdigung nach Florida

Kein alltäglicher Vorgang. So habe auch der Superintendent, der den Sonderurlaub genehmigte, scherzend hinzugefügt, dass ihm selbst solches Glück noch nie widerfahren sei. Zu einer Beerdigung nach Florida!

Sun City Center, ein Ort für Betagte. Eigens dafür gebaut. An den Kirchen – es hat den Anschein, dass jede Denomination hier vertreten ist – findet man Parkplätze in winzigem Zuschnitt, neben solchen in Normalgrösse. Die kleinen sind für Golfcarts vorgesehen. Damit fährt man zur Kirche.

Immer wieder schön finde ich die Redeemer Lutheran Church, in der die Konferenz schon seit Jahren zu Gast ist. Auch wegen des freundlichen Pastors Dr. Peter Willer (auch dieser Name ist geändert). Aus Hannover stammend, hat er sich zunächst nach Kanada abgesetzt, bevor er sich nach weiteren Zwischenstationen an diesen Ort verdingt hat.

Für »Pastor’s wife«

Wo nicht nur der Pastor noch was gilt. Auch die Pfarrfrau wird hochgeachtet. Ein Parkplatz, unmittelbar neben dem Eingang zur Kirche, ist mit einem Schild gekennzeichnet. »Pastor’s wife« steht drauf. Schon beim flüchtigen Nachdenken wird mir klar, dass sich eine solche Sitte kaum als Exportartikel eignen würde. Schon deshalb nicht, weil man eine solche soziale Kontrolle sicher strikt ablehnen dürfte. Bis zu nächsten Mal!

Günter Apsel

1 Kommentar zu „Überall gefragt: Deutschsprachige Dienste in Florida“

  1. ankele sagt:

    Ist doch komisch, dass die Deutschen immer gleich nach institutioneller Hilfe von oben rufen müssen – dabei scheint es bei Ihnen doch ganz gut ohne zu klappen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, oder?

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