Am Ende am Anfang
Immer noch in schwarz gekleidet und mit den Erfahrungen des Tages in meinem Kopf sitze ich nun in unserer gerade neu bezogenen Wohnung in Beit Jala, dem christlichen Vorort Bethlehems.
Vor gut sechs Wochen haben mein Mitfreiwilliger Tobias und ich uns dafür entschieden, für jeweils drei Wochen zu unserer Arabischlehrerin ziehen und sie bei der Arbeit mit ihrem kranken Mann unterstützen. Zusätzlich zu dem stetig schlechter werdenden Gesundheitszustandes ihres Mannes Ibrahim, hatte sie sich ihren rechten Arm gebrochen und war nun mit dem anstehenden Haushalt und der Pflege ihres Mannes völlig überfordert
Die drei Wochen von Tobias waren gerade vorbeigegangen, da erreichte uns früh morgens ein aufgeregter Anruf: „Ibrahim died tonight. Could you please come over to my house soon?“
Sein Zustand hatte sich in den letzten Wochen von Tag zu Tag verschlechtert. Wo ich anfangs noch mit ihm ein paar Sätze auf Deutsch wechseln konnte, freute ich mich, wenn mir Tobias am Morgen berichten konnte, dass er überhaupt gesprochen hatte. Als wir dann vor dem blassen, leeren Körper standen und an unsere letzten Wochen mit ihm zurückdachten, begann im Nachbarzimmer jemand das Telefonbuch durchzugehen, in der Küche wurden Speisen für die Trauergäste vorbereitet und draußen räumten und putzten die Männer. Schon bald waren ihre Söhne aus Italien im nächsten Flugzeug nach Amman und die Beerdigung war für Donnerstag 4 Uhr in der Geburtskirche angesetzt.
Auf dem Krippenplatz versammelt, empfingen die Trauergäste den eintreffenden Leichnam. Von dort wurde der geöffnete Sarg mit einsetzendem Glockengeläut von einem großen Bronzekreuz durch den engen Eingang der Geburtskirche erst in den alten, orthodoxen Teil und anschließend in die angegliederte katholische Kirche geleitet. Nach Frauen und Männern getrennt, nahmen die Trauergäste in diesem einzigartigen Ort Platz. Ab und zu hörte man im Hintergrund eine der vielen täglichen Führungen, wie sie sich ihren Weg durch die Geburtskirche bahnten und jedes kleinste Detail auf Englisch, Deutsch, Russisch oder sonstigen Sprachen haargenau erklärten.
Von einer ausschließlich männlichen Prozession wurde Ibrahim im Anschluss an die Messe in dem weiterhin geöffneten Sarg für alle sichtbar über den belebten Krippenplatz, hindurch die engen Gassen der Altstadt von Verwandten und engen Freunden auf den Schultern zum Friedhof getragen. Nicht wie in Deutschland wurde der Leichnam „beerdigt“, sondern in einen schmalen Schacht in einer großen Wand von Grabsteinen geführt. In diesem Fall war das Grab in der obersten Reihe in unerreichbaren drei Metern Höhe. Schnell entwickelte sich unter den anwesenden Männern ein handwerklicher Anreiz den Sarg mit einer Hebebühne in den vorgesehenen Schacht zu manövrieren. Aus allen Richtungen wurden Ratschläge eingeworfen und das Geschehen mit Spannung verfolgt. Nachdem es für kurze Zeit so ausgesehen hatte, als würde der Sarg samt Leichnam der Schwerkraft mit einem Fall aus der hochgekurbelten Höhe nachgeben, verschwand Ibrahim mit einem heftigen Ruck in dem dunklen Schacht. Die Männer äußerten mit einem kollektiven „iowa“ (jawohl) ihre spontane Freude über die vollendete Arbeit und machten sich langsam wieder zurück zu ihren wartenden Frauen.
Nach der, abgesehen von den handwerklichen Herausforderungen, sehr emotionalen Trauerfeier in der Geburtskirche mit anschließender Prozession zu dem naheliegenden Grab, waren wir am Abend zum Essen bei unserer Arabischlehrerin eingeladen worden. Alles Fasten zum Trotz, was in Bethlehem von der großen Mehrheit mit einem Verzicht auf alle tierischen Produkte bis Ostern sehr ernst genommen wird, waren die Teller gefüllt mit frisch gebratenem Hühnchen. Auch wenn Ibrahim erst wenige Stunden zuvor zu Grabe getragen worden war, schien das Leben in der Familie jedoch weiter zu gehen. Heiß wurden die Heiratsabsichten der 31-jährigen Tochter seiner Schwester diskutiert. Sie schien Interesse an uns beiden Deutschen zu haben und ihr gutes Aussehen wurde durch aufgeregte Zwischenrufe von Verwandten, dass sie auch eine sehr reiche Frau sei, nur bestärkt. Trotz aller Bemühungen musste sie sich jedoch schnell wieder umorientieren, als sie erfuhr, dass wir ganze 11 Jahre jünger waren. Den ältesten Sohn unserer Arabischlehrerin, also ihren Cousin, hatte sie schon vor einigen Monaten ausgeschlossen. Ein weiterer Cousin schien sie jedoch sehr zu interessieren. Zu schade, dass dieser mit dem enthaltsamen Gedanken spielte, ein angefangenes Priesterseminar in einem französischen Franziskanerkloster weiterzuführen.



17. März 2009 um 12:55 Uhr
Ich muss sagen, inzwischen gehört Ihr Blog zu meinen Favoriten im Internet. Unglaublich, was da aus einer anderen Welt zu uns nachhause kommt. Danke dafür.
2. Mai 2009 um 15:12 Uhr
Hallo Christopher,
durch Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen. Ich würde gerne ein FSJ im Nahen Osten machen und hätte dazu ein paar Fragen. Vielleicht könntest du mir mal deine emailadresse geben? Dankeschön und alles Gute! Nora (tula-by-quetzal@hotmail.de)
4. Mai 2009 um 15:03 Uhr
Hallo Herr Hohn,
ich bin mit einem Freund am überlegen, ob wir für eine Zeit in Betlehem im Creche helfen und im alten Casa Nova wohnen, da für uns beide ab 1. Juli 2009 alles offen ist. Wir waren vor 3 Wochen in Betlehem und vorher über Palmsonntag und die Kar- und Ostertage in Jerusalem. Ich habe eine kleine Pilgergruppe organisiert.
Es geht nur 6 Monate laut Sr. Sophie im Creche, wegen den Kindern.
Warum braucht man ein Visum? Könnten wir nicht einfach als Pilger für 6 Monate im Casa Nova wohnen und dann helfen im Creche?
Haben Sie jetzt ein Visum erhalten und können Sie mir den einfachsten Weg nennen, eins zu erhalten?
Viele Grüße
Ingrid Strang