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»Straßenwahlkampf« in der Türkei

"Alles wird gut"

»Alles wird gut«

„Straßenwahlkampf“ – dieses Wort bekommt hier in der Türkei eine ganz neue Bedeutung. Hier wird der Wahlkampf – am 29. März ist Kommunalwahl – nämlich nicht nur „auf den Straßen“, sondern manchmal auch „mit Straßen“ geführt.

Wie überzeugt eine regierende Partei in den letzten Wochen vor der Wahl die Bürger davon, dass es gut ist, sie wieder zu wählen? Indem sie ihr großes Engagement für ihre Bürger und Wähler (noch einmal) möglichst eindrucksvoll unter Beweis stellt! Wie kann sie das tun?

Indem sie die ganze Kommunalverwaltung für ihre Zwecke einspannt und z.B. eine Lastwagenladung Weißware (Kühlschränke und Waschmaschinen) bestellt und diese dann an die (bedürftige) Bevölkerung verteilt. So gerade geschehen in der Region Tunceli im Osten der Türkei.

Dass dabei auch einige Haushalte beliefert worden sind, in denen es gar keinen Stromanschluss gibt, kann als kleiner Schönheitsfehler dieser ansonsten doch sehr kreativen Aktion getrost vernachlässigt werden.

Aber nun zum „Straßenwahlkampf“ in Istanbul: Regelmäßig vor den Wahlen werden in unserem Viertel die maroden Straßen erneuert; und der neue Belag, seien es nun Pflasterungen oder – wie jetzt neu – Asphalt, hält ziemlich genau bis zur nächsten Wahl.

„Belediye calisior – Die Stadtverwaltung arbeitet“ so heißt es dann auf den begleitenden Plakaten, die eine ungleich größere Wirkung auf die Menschen entfalten als die jetzt auch immer mehr werdenden üblichen Wahlplakate mit breit grinsenden Politikerköpfen.

Flankiert wird dieser „Straßenwahlkampf“ mit in regelmäßigen Abständen kostenlos verteilten Kohlesäcken; so bleibt das Wahlvolk auch dann bei Stimmung, wenn bei den Straßenarbeiten mal wieder das eine oder andere Versorgungsrohr zu Bruch geht. „Die Partei tut was für uns! Alles wird so schön!“

Natürlich kann immer nur jeweils die gerade regierende Partei auf diese Art Wahlkampf machen und nicht die Oppositionsparteien. Nun ja, was soll´s? Die würden es genau so machen, wenn sie denn dran wären.

Und der „Hohe Wahlrat“ hat sich immerhin im Fall der Waschmaschinen beim Innenministerium über den zuständigen Gouverneur beschwert.

2 Kommentare zu „»Straßenwahlkampf« in der Türkei“

  1. Robbi sagt:

    Lach! Danke für die brillante Glosse. Obwohl: Das Lachen kann einem echt im Halse stecken bleiben. Jedenfalls eine vortreffliche Metapher für die Wahlversprechungen, die Politiker auf der ganzen Welt (auch bei uns) abgeben: Sie sind Augenverkleisterei. Und halten maximal bis zur nächsten Wahl – wenn überhaupt.

  2. Fischerman sagt:

    Interessante Einblicke in türkisches Alltagsleben… Doch bevor wir darüber lachen: Bei uns ist das vielleicht etwas “intellektueller” gelöst, doch wir fallen doch auch auf die Wahlgeschenke herein. Das Volks will betrogen werden, sprich es kann besser mit übertriebenen Hoffnungen und Illusionen als mit reinem Wein leben.

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