Wenn der Konflikt aufdringlich wird
In den letzten Tagen häuften sich die Einblicke in ein Leben unter dem palästinensisch-israelischen Konflikt, sodass ich mit einem Bericht über das Geschehene nicht mehr warten konnte.

Auch in der Straßenkunst ist der Konflikt das tonangebende Thema. Hier ein Werk des englischen Straßenkünstlers Banksy
Seit einigen Monaten haben mein Mitfreiwilliger im SOS-Kinderdorf und ich uns auf die Odysee der Visumssuche gemacht.
Nachdem wir vergebens die beängstigende Bürokratie des israelischen Innenministeriums durchschritten hatten, fühlten sich am Ende niemand für zwei Volontäre in den palästinensischen Gebieten verantwortlich und verwiesen uns an das Innenministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde in Bethlehem.
Dort sollten wir dann einen dreisprachigen Antrag auf ein Volontärs-Visum stellen, der uns dann, wiederum an das israelische Innenministerium weitergeleitet, mit einem Visum versorgen sollte.
Schnell stellte sich jedoch heraus, dass wir als Volontäre in der Westbank zuallererst eine Arbeitserlaubnis brauchten.
Diese wiederum konnten wir nur von den israelischen Behörden erlangen, sodass wir eine israelische Siedlung nahe Ramallah aufsuchen mussten. Da dieses ewige Suchen nach den zuständigen Behörden und dem korrekten Weg nun schon sechs Monate brauchte, ist Mitte Februar unser zweites Touristenvisum ausgelaufen. Ohne Zusage für die Arbeitserlaubnis mussten wir, um legal im Land bleiben zu können, somit nun aus- und wieder einreisen.
So hieß es also Sachen packen und auf in die jordanische Hauptstadt nach Amman. Zuerst galt es jedoch ein jordanisches Visum in Ramallah zu erlangen, um die Grenze (nur aus der Westbank notwendig) passieren zu dürfen. Seit unseren ersten Tagen in der Westbank waren wir nicht mehr in Ramallah gewesen und waren daher umso mehr von der militärischen Präsenz Israels überrascht.
Um die militärische Kontrolle über die Westbank beizubehalten und die israelischen Siedlungen in dem palästinensischen Gebiet zu schützen, wurde die Westbank in drei Gebiete eingeteilt. Städte wie Bethlehem und Ramallah sind Teil des A-Gebiets und werden von der palästinensischen Regierung um Machmod Abbas verwaltet und militärisch kontrolliert. Nach israelischem Gesetz ist das Betreten für israelische Staatsbürger untersagt. Das C-Gebiet der Westbank ist voll unter israelischer Kontrolle, das B-Gebiet wird von der Autonomiebehörde verwaltet.
Diese Gebietseinteilung hat zur Folge, dass man, auch innerhalb der Westbank, israelisch kontrollierte Check-Points passieren muss. Zudem befindet sich zwischen Bethlehem und Ramallah mit Ma’ale Adumim die größte israelische Siedlung in der mittleren Westbank (http://www.jr.co.il/ma/), die mit 35.000 Einwohnern mit der Größe Bethlehems vergleichbar ist.
Nachdem wir also den Check-Point und die Siedlung auf unserem Weg nach Ramallah passiert hatten, begann die israelische Militärbasis, die zudem den Beginn der Mauer markiert, der Ramallah und Ostjerusalem trennt. Auf einem nahen Hügel in der relativ großen Militärbase zeigte mir ein Mitfahrer, mit dem ich ins Gespräch gekommen war, ein israelisches für palästinensische Häftlinge gebautes Gefängnis.
Es erinnerte mich an die Geschichte die mir vor einigen Tagen ein Freund aus einem nahen Kulturzentrum erzählt hatte. Mit 13 war er während der zweiten Intifada für drei Jahre in ein israelisches Militärgefängnis nahe Ramallah gesperrt worden, wo er mit ausschließlich älteren Gefangenen einen Großteil seiner Jugend verbracht hatte.
Die Route, die ich an diesem Morgen gefahren bin, ist für viele Menschen der alltägliche Weg zu der Universität oder Arbeitsstelle in Ramallah. Von den vielen Demonstrationen israelischer Macht ergriffen, musste ich an ein Zitat von Tolstoi denken, was ich erst vor einigen Tagen in dem Bericht eines Mitfreiwilligen gelesen hatte: „Man sollte doch glauben, dass die Berührung mit der Natur, diesem unmittelbaren Ausdruck der Schönheit und Güte, alles Böse im menschlichen Herzen verschwinden lassen müsse“.
Wenn, wo mir Tolstoi aus der Selle spricht, die unermessliche Schönheit der Natur eigentlich doch alles Böse aus dem menschlichen Herzen ausradieren sollte, welche Auswirkungen hat dann die tägliche Konfrontation mit dem von Menschen Gemachten auf das menschliche Herzen? Nach Tolstoi kann die israelische Gesellschaft nur von Glück reden, dass die Westbank eine einzigartige Natur aufzuweisen hat.
Ohne größere Probleme das Bergplateau der jordanischen Hauptstadt erreicht, mussten wir am nächsten Morgen mit Verzicht auf jegliche Sehenswürdigkeiten Ammans wieder auf zur Grenze machen. Den Jordan ein zweites Mal innerhalb 24 Stunden passiert, wurden wir auf der israelischen Seite in eine Halle mit verschiedenen für die Passkontrolle errichteten Fenstern geleitet.
Nachdem wir der Soldatin von unserer Arbeit im SOS-Kinderdorf und dem langwierigen Visumsprozess erzählt hatten, schickte sie uns zurück. Wir sollten warten, unser Fall werde überprüft.
Die mit uns an der Grenze Angekommenen hatten wahrscheinlich schon Jerusalem erreicht als wir ca. zwei Stunden später, nachdem wir uns mit den anderen Wartenden bei einer dubiosen Übung alle für eine halbe Stunde an die Wand stellen mussten und immer wieder von schrillen Tönen eines defekten Feuermelders entzückt wurden, nochmals von zwei Soldaten über unsere Arbeit in der Westbank und die Visumsvorhaben ausgefragt wurden.
Nach einem kleinen Gespräch meinten sie, dass sie es wirklich bedauerten, uns keine 6 Monate, sondern nur 3 Monate geben zu können, verabschiedeten sich mit einem netten Handschlag und verschwanden wieder hinter den Fenstern der Visakontrolle.
Unseren Pass hatten wir jedoch auch da noch nicht wieder zurück. Nochmal eine halbe Stunde ohne Pass, aber voller Zuversicht auf ein ausreichendes Touristenvisum gewartet, wurde uns unter dem netten Lächeln der Soldatin ein gerade einmal 10 Tage währendes Visum in den Pass gestempelt. Auch meine Empörung konnte da nichts mehr ändern. Es sei eben eine Anweisung vom Vorgesetzten, der wiederum nur einer Anweisung des ihm Vorgesetzten Folge leiste.
Sicher machen sie persönliche alle nur ihren Job, wodurch dieses eitrige System der Schikane und Willkür jedoch nur optimiert wird. Noch schnell von uns ein Photo gemacht und die obligatorischen Fingerabdrücke genommen, und wir konnten draußen wieder die Luft eines freien Staates riechen. Unsere – inshaallah (so Gott es will) – nicht letzten Tage im sonnigen Israel sind angebrochen, der Ausgang ist bisher noch ungewiss.

Dem anonymen Konflikt kann man nur schwer ein ziviles Gesicht geben. Auch hier zeigt er sich wieder mit bewaffneten Soldaten
Zurück im SOS-Kinderdorf und unsere schlechten Nachrichten vom Morgen überbracht, veränderte es die Stimmung dort kaum. Vor ein paar Tagen hatte auch das SOS-Kinderdorf wieder neue Erfahrungen mit den israelischen Gemütsschwankungen machen können, als nach einem nächtlichen Besuch der Militärpolizei ein ehemaliges SOS-Kind zusammengeschlagen in seiner Wohnung zurückgelassen worden war.
Was mich aber erst dazu veranlasst hat, von meinen Erlebnissen der letzten Tage zu berichten, waren die Geschehnisse der letzten Nacht. Um ca. ein Uhr wurde ich von dem anhaltenden Lärm durchdrehender Reifen geweckt.
Da ich jedoch aus unserer Wohnung die Straße vor unserem Haus nicht einsehen kann, konnte mich das anhaltende Gelächter meiner Nachbarn wieder beruhigen und ich machte mich in Gedanken an den Besuch des SOS-Kindes, wieder in meinen warmen Schlafsack.
Wie sich jedoch am nächsten Tag nach einigen Gesprächen mit meinen Nachbarn rausstellen sollte, hatte ich am Vorabend allen Grund zur Sorge gehabt. Zwei bis drei Häuser von unserer Wohnung entfernt wurde an diesem Abend unser Nachbar von einem Großaufgebot der israelischen Militärpolizei besucht.
Ein 13jähriger Nachbar vom Haus gegenüber war auch unter dem Lärm der durchdrehenden Autoreifen aufgewacht und hatte das Geschehen von seinem Balkon mit verfolgen können. Fünf Jeeps waren in unsere kleine Seitenstraße eingebogen, einen noch nicht fertiggestellten Neubau durchsucht und den Nachbarn, dem Verbindungen zu der Hamas nachgesagt werden, mitgenommen. Der palästinensischen Autonomiebehörde wird anscheinend nicht einmal in, wie im Moment eher ruhigeren Zeiten die versprochene Souveränität zugelassen.
Über derartige Verletzungen internationalen Rechts zu lesen und zu diskutieren ist das Eine. Sie dann aber in unmittelbarer Nähe zu erfahren, ist noch einmal ein völlig anderes Erlebnis, dass mich viel mehr über die eigentliche Situation der Betroffenen nachdenken lässt.
Sicher habe ich in den vorherigen Zeilen nicht verfälschend, aber einseitig berichtet. Ich bin jedoch Freiwilliger in Bethlehem und erlebe einen palästinensischen und nicht israelischen Alltag. Wie fast immer in einem Konflikt, laufen auch in dem Nahost-Konflikt auf beiden Seiten einige Dinge falsch. In welchem Verhältnis diese zueinander stehen und wo es eventuelle Zusammenhänge gibt, sollte jedoch äußerst differenziert betrachtet werden.
Mit den Einblicken der letzten Tage im Hinterkopf, dämmert es mir nun auch langsam, worin Israels vor internationalen Freiwilligen Angst begründet sein könnte. Eine berechtigte Angst, dass durch die direkte Erfahrung des palästinensischen Lebens das wertvolle Bild des unschuldigen, immer nach Frieden strebenden Staates ins Bröckeln gerät.


23. Februar 2009 um 14:46 Uhr
Wenn ich Ihre Schilderungen lese, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Bringen Sie sich durch diesen freiwilligen Dienst nicht in erhebliche persönliche Gefahr?
23. Februar 2009 um 18:28 Uhr
Lieber Herr Fischermann, in der Westbank zu leben ermöglicht mir zwar viele Einblicke in die Auswirkungen des Konflikts, das Leben in Bethlehem bedeutet für mich als Ausländer jedoch keine erhöhte Gefahr. Anders als in der nördlichen Westbank und in Hebron kommt es in Bethlehem, in Ausnahme von den nächtlichen Besuchen, zu keinen direkten Auseinandersetzungen mit dem israelischen Militär.
An dieser Stelle sollte ich auch nochmal sagen, dass REISEN nach ISRAEL und BETHLEHEM ohne Bedenken MÖGLICH sind. Ist man nur kurz in Bethlehem, weiß man wahrscheinlich gar nicht über welchen Konflikt eigentlich ständig gesprochen wird. Lebt man jedoch für ein halbes Jahr mit den Palästinensern, bekommt man einen tieferen Einblick in die vielen systematischen Einschränkungen.
11. März 2009 um 09:17 Uhr
Lieber Christoph Hohn, sind Sie eigentlich noch in Bethlehem oder inzwischen ausgewiesen oder wie? In Ihrem Bericht oben schien das ja alles ganz unsicher …