Der Toten gedenken

Morbider Charme ohne Friedhofsordnung
18. Februar – Todestag Martin Luthers. Heute vor genau 150 Jahren – um 14:00 Uhr “bei heiterstem Sonnenschein“ – wurde im Istanbuler Stadtteil Feriköy, damals weit außerhalb der Stadt gelegen, heute mitten drin, der „Friedhof der Evangelischen Länder“ (Preussen, England, Holland, Schweden, Norwegen, Dänemark, USA) feierlich seiner Bestimmung übergeben – mit einem englisch-armenisch-deutsch-sprachigen Gottesdienst und Posaunenchor.
Der Friedhof, der ein älteres evangelisches Gräberfeld ersetzen sollte, das der schnell wachsenden Stadt im Wege lag, sollte ein Zeichen sein für die Einheit der evangelischen Kirchen und Christen – zumindest derer, die hier, in Konstantinopel damals lebten. Und die kamen “in großer Anzahl, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von nah und fern” und “selbstverständlich waren die Evangelischen Mitglieder unserer Preußischen Gesandtschaft in pleno anwesend”. “Auf dem Preußischen Antheil war ein Grab aufgeworfen worden, um welches sich die Versammlung aufstellte, auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Frauen, auf der dritten die Geistlichkeit, auf der vierten endlich die von den beiden Lehrern unserer Schule geleitete Schuljugend”.
Heute verströmt dieser Friedhof mit seinen ordentlich nach Ländern getrennten Gräberfeldern einen morbiden Charme, der hier durch keine Friedhofsordnung gestört wird – eine Oase der Ruhe im tosenden Verkehr der 15-Millionen-Metropole, ein christliches (Toten-) Schiff im Meer des Islam, ein Ort der Rückbesinnung in unserer schnelllebigen Zeit.
Der Friedhof erzählt mit seinen Gräbern wichtige Teile der Geschichte unserer deutschsprachigen Gemeinde hier in diesem Land. Und nicht zuletzt deshalb werden wir das Jubiläum am Sonntag hier feiern – mit einem Gottesdienst und einer Führung über den Friedhof, auf dass uns dieser seine und unsere Geschichte erzählt.
“Evangelicorum commune coemeterium MDCCCLIX – Gemeinsamer Friedhof der Evangelischen 1859″ (Inschrift über dem Friedhofstor)

18. Februar 2009 um 19:34 Uhr
Istanbul! Da wollte ich immer schon mal hin. Und eine deutschsprachige Gemeinde gibt es auch. Und einen Friedhof, der Geschichte und Geschichten erzählt. Ich glaube, jetzt wird es langsam wirklich mal Zeit für mich, dorthin zu gehen.
Lieber herr Nollmann, was sagt man eigentlich in der Türkei über den Vorgang um den mutmaßlichen Mörder (Ali Kur) der kleinen Kardelen aus Paderborn? Ist das ein Thema in der Öffentlichkeit?
19. Februar 2009 um 13:51 Uhr
Ich war mal einige Tage in Istanbul – aber von einer deutschsprachigen christlichen Gemeinde habe ich nichts gewusst . Schade. Ist ein öffentliches Bekennen zum Christentum in der Türkei nicht gefährlich? Man hört doch immer so allerlei von Verfolgung und Repressionen.
3. März 2009 um 10:22 Uhr
Pastor Nollmann hat mir auf meine obige Anfrage geantwortet. Ich poste hier mal die Antwort (vom 19.02.)
“Lieber Ruckzuck,
eine Reise nach Istanbul lohnt sich immer. Machen Sie sich also auf den Weg.
Es gibt hier wirklich sehr viel zu entdecken.
Zu Ihrer Frage nach dem Mord an Kardelen:
Der Mord, die Flucht des mutmaßlichen Mörders in die Türkei und die
Verfolgung durch den Schwiegervater hat durchaus einen beachtlichen Raum in
der türkischen Presse eingenommen. Wobei vor allem die Tatsache, dass es ein
Türke war, der das türkische Mädchen umgebracht haben soll, für besondere
Aufmerksamheit gesorgt hat.
Mit besten Grüßen und guten Wünschen aus Istanbul”
6. März 2009 um 11:01 Uhr
Lieber “Fischerman”,
ja, es ist wirklich schade, dass Sie bei Ihrem Istanbulaufenthalt von unserer Gemeinde noch nichts wussten. Wir hätten Sie ganz sicher herzlich willkommen geheißen.
In der Türkei ist zwar die individuelle Religionsfreiheit verfassungsrechtlich verbürgt, doch haben es die Religionsgemeinschaften hier schon sehr schwer. Besonders für die christlichen Minderheiten (inzwischen nur noch 0,15 % der Bevölkerung; um 1910 noch 20 %) sind sowohl die rechtlichen als auch die gesellschaftlich-politischen Bedingungen überaus schwierig. Daher hoffen alle religiösen Minderheiten auf Fortschritte für Ihren Status durch die fortschreitenden Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union. Eine regelrechte Verfolgung der christlichen Gemeinde gibt es allerdings nicht in der Türkei. Allerdings hat es leider immer wieder Übergriffe einzelner
ultranationaler Tätergruppen auf christliche Geistliche gegeben. Seit fast zwei Jahren hat sich diese Situation allerdings wieder etwas beruhigt, und wir hoffen auf eine allmähliche Verbesserung besonders der
rechtlichen Rahmenbedingungen.
Mit besten Grüßen und guten Wünschen
Ihr Holger Nollmann
6. März 2009 um 19:41 Uhr
@Holger Nollmann: Wenn ich mal wieder hinkomme nach Istanbul, melde ich mich bestimmt! Bis dahin drücke ich die Daumen, dass es nicht schlimmer wird mit den Ultranationalen.