Abschwung – und kein Ende in Sicht

New York, Wallstreet, Stock Exchange - Epizentrum der Finanzkrise
“Amerikanische Wirtschaft bricht dramatisch ein!” Dieser Schlagzeile, in einem deutschen Investmentmagazin, hätte es nicht bedurft, um zu wissen, was los ist. Die Zeiten sind wirklich schlecht. Man stellt sich auf eine längere Frist ein, bevor es – so hofft man – wieder besser werden kann. Ganz Verwegene allerdings setzen auf den Urknall, den Obamas Stimulus Package, das Ankurbelungsprogramm also, bringen könnte.
Einstweilen allerdings macht sich der Mangel allenthalben bemerkbar. Zum Teil mit voller Wucht. Schon vor Monaten haben zwei meiner Lieblingsketten dichtgemacht. Ich rede von Gaststätten. “Bennigans” war irisch oder gab sich wenigstens so: Urige Pubatmosphäre, hinreichend große Portionen.
Die andere Kette führte nannte sich “Steak and Ale”. Ein Name, der hielt, was er versprach. Zu jedem Steakgericht – mit oder ohne Bier – kam die freie Auswahl an der Salatbar dazu. Mit der angenehmen Folge, dass man schon vor dem Hauptgericht halbsatt war und einen Teil desselben mit nach Hause nehmen konnte.
Eine Sitte, die – wenn ich es recht sehe – mittlerweile auch in Deutschland Schule macht. Für einige, ich gebe es zu, dürfte es eher eine Unsitte sein.
Die zwei Ketten sind also wohl auf immer weg. Traurig und recht öde stehen die verlassenen Gebäude in der Gegend. Wirklich, kein schöner Anblick. Wie auch nicht die anderen Geschäfte, die nun out of business sind. Einige “Albertson’s”-Supermärkte, alle “Linens and Things” (Haushaltswaren) und demnächst – der Totalausverkauf läuft noch – Circuit City, dem Media Markt vergleichbar. Wenn auch nicht so klotzig.
Die meisten Textilkaufhäuser haben sich bisher halten können, obwohl selbst Macy’s (man kennt es vielleicht von der berühmten Thanksgiving Parade in New York her) die Streichung mehrerer tausend Arbeitsplätze angekündigt hat. Wenn es auch immer noch gelingt es, die Kundschaft mit verlockend erscheinenden Sonderangeboten anzuziehen, so gehen die Umsätze dramatisch zurück. Discounts von siebzig oder mehr Prozenten sind keine Seltenheit.

Kaum jemand in den USA kann sich zurzeit seines Jobs sicher sein.
Dem kann man kaum widerstehen. Also habe auch ich mich schon mit allerhand Plunder für meine Lieben in Deutschland eingedeckt. Sollte ich dem Zoll in die Hände fallen, so liegen die Kassenzettel parat. Vor einigen Tagen kaufte ich mir zwei schöne Sakkos für sage und schreibe 96,83 Dollar. Am Ende des Kassenzettels wird der eingesparte Betrag ausgewiesen. Da steht es schwarz auf weiß: “If purchased elsewhere $470,00″. Ich habe also fast $380 gespart.
Nun aber das für Normalverdienende Wichtigere: Wie kommt man über die Runden? Sabine, ein Mitglied unserer Gemeinde, sieht sich und ihre Familie in arger Bedrängnis. Sie hat ihren Job als Sekretärin verloren, ihr Mann den seinen. Er war im Maklerwesen tätig. Ihr Haus ist mit einer Hypothek belastet. Die Tochter studiert. Wie’s weitergehen soll, wissen sie nicht.
Auch Andreas, Mitglied in unserem Kirchenvorstand, hat Grund zum Zittern. Er ist bei Sprint beschäftigt (Telekommunikation). Mehrere tausend Stellen sollen dort in den nächsten Monaten wegfallen. Vor Jahren gab es dort schon mal eine Delle; da stand sein Jobplatz auch auf der Kippe. Doch es ging an ihm vorbei.
Wenn es diesmal schief gehen sollte, wird er mit Frau und zwei Kindern eineinhalb Jahre finanziell überleben können. So beschwichtigte er meine Besorgnis, als wir uns darueber unterhielten. Sie hätten vorgesorgt. Außerdem arbeitet seine Frau in einem zunächst noch als krisensicher erscheinenden Beruf: Lehrerin.
Über Arbeitslosengeld, Krankenversicherung und Sozialleistungen schweige ich mich lieber aus. Alles sehr undurchsichtig und schwankend. Bei Bekannten habe ich vor einiger Zeit erlebt, dass, als die Stelle flöten ging, automatisch auch die Krankenversicherung zu Ende war. Allerdings hatte die Betreffende selbst gekündigt.
Die Dame, um die vierzig, hat zwar inzwischen wieder eine Anstellung gefunden, jedoch ohne Vertrag und ohne jede soziale Absicherung. Keine Krankenversicherung. Ein Schicksal, das sie mit Millionen anderer teilt.

Musik für einen Quarterdollar: Jazzmusiker im New Yorker Central Park
Wie kommt man nun, wenn alle Stricke reißen, zu Cash? Grünanlagen pflegen, lautet ein Vorschlag. Oder Nachhilfeunterricht erteilen. Oder sich als lebende Litfassäule verdingen. Die ersten beiden Vorschläge entnehme ich der Zeitung.
Den dritten meiner Beobachtungsgabe, zu der allerdings in diesem Falle nicht viel gehört. Denn die Schilder wedelnden Männer stehen unübersehbar an den Straßenkreuzungen und machen die Vorüberfahrenden auf das Geschäft nebenan aufmerksam: Hier die Einfahrt zur Juwelenreparatur, dort die zum günstigen Kauf einer Wohnung! Sechs bis acht Dollar die Stunde fürs Schilderhalten. Wenig genug.
Überall stagniert der Absatz. Auch und gerade bei den Autohändlern. Vor kurzem habe ich einen schwerwiegenden Fehler begangen. Ein Neuwagen mit 50 Prozent Rabatt, sagte das Inserat. Ich fuhr hin, wollte mich überzeugen. Es stimmte. Doch sonst stimmte an dem Auto (es war nur ein Exemplar zu dieser Kondition zu haben!) nichts. Ein Gefährt ohne Klimaanlage zum Beispiel ist in Florida ein Unding.
Um es kurz zu machen: Seitdem ich dort war und dem Verkäufer zu allem Überfluss meine Telefonnummer gegeben habe (ein totales Fehlverhalten, wie jedermann weiß), ruft der mich jeden Tag an, ob ich denn nicht doch vielleicht… Na klar, der steht auch mit dem Rücken zur Wand, will koste es, was es wolle – zu Geld kommen.
Die Arbeitslosigkeit steigt auf Rekordniveau. Bevor es besser wird, wird’s erst noch schlimmer werden. Sagt der Präsident und wenn einer, so wird’s er wissen.
Bis zum nächsten Mal.

10. Februar 2009 um 08:46 Uhr
Und ich dachte, dass wir schon in Deutschland mit Hartz IV mit dem Rücken zur Wand stehen … Vielen Dank, Herr Apsel, für den erstklassigen Insiderbericht!
10. Februar 2009 um 09:51 Uhr
Ihr Bericht stimmt sehr nachdenklich. Dass es in Amerika doch so schlimm ist, hatte ich mir trotz der aktuellen, doch recht umfangreichen Berichterstattung in den Medien hier so nicht vorgestellt.
Ich hoffe, dass Sie – Ihre Nation – diese schmerzlichen Einschnitte verkraftet und der neue Präsident Ihr Land letztlich aus der wirtschaftlichen Krise führen kann.
FM
19. Februar 2009 um 13:54 Uhr
Hallo Herr Apsel! Unser Herr Rüttger aus NRW war ja gerade zu Besuch bei den GM-Bossen. Hier wird gesagt, dass er nur aus Höflichkeit empfangen worden sei und daß sein Besuch vom Ergebnis her auch nicht aufregender sei als ein Sack Reis, der in China umfällt. Wie sehen Sie das? Kennen Amerikaner die Marke Opel überhaupt?