Ausflucht in die Einsamkeit
Da ich nun seit einer guten Woche bei meiner Arabischlehrerin wohne, begann mein freier Tag mit einem für Bethlehem ganz außergewöhnlichen Ausflug. Am Abend sollte es Schweinesteaks geben und somit machten wir uns auf nach Beit Jala, einen christlichen Vorort Bethlehems, um bei einem der wenigen Fleischer die Schweinefleisch anbieten unsere Steaks einzukaufen.
Da der muslimische Taxifahrer ein Freund der Arabischlehrerin war, konnten wir ausnahmsweise auch das Fleisch in seinem Auto transportieren. Anders als bei alkoholischen Getränken, für die einige Muslime schon einmal eine Ausnahme machen, ist es undenkbar, dass ein muslimischer Palästinenser Schweinefleisch isst.
Eigentlich wollte ich jedoch meinen freien Tag nicht in der Fleischerei verbringen, so dass ich mich bald, mit Wanderschuhen und Kamera ausgerüstet, auf den Weg in Richtung Wüste machte.
Wo ich in Bielefeld vor dem Stress des Alltags in die schmalen Pfade des Teutoburger Walds flüchten konnte, habe ich hier in Bethlehem die nahe Wüste als neuen Ort der Ruhe entdecken können.
Mit leichter Verspätung machte ich mich mit dem Service für umgerechnet 60 Cent auf den Weg gen Osten. Hier erstreckt sich bis zum Jordantal und dem Toten Meer ein ca. 30km breiter Wüstenstreifen, den man sogar, wie es ein deutscher Mitfreiwilliger vor einigen Wochen bewiesen hat, zu Fuß durchqueren kann.
Ganz so weit sollte mein Wanderung an diesem Tag jedoch nicht werden. Ich wollte mir einen Weg zu einem kleinen Berg in der Wüste bahnen, auf dessen Gipfel ich bei meinem letzten Besuch in der Wüste Menschen gesehen hatte.
Auf meinem Weg durch die letzten Auswüchse der Zivilisation, wurde mir plötzlich ein frisches „marhabba Chris“ an den Kopf geworfen. Von der Familie des Jungen, der mich entdeckt hatte, war ich vor ein paar Wochen nach einer kleinen Wanderung zu selbstgebackenen Brot mit frischem Olivenöl eingeladen worden. Nun kam der jüngste Sohn gerade von der Schule nach Hause und wir freuten uns über das unverhoffte Treffen.
Es sollte aber schnell weiter gehen. Schon bald hatte ich die letzten Häuser hinter mir gelassen und wollte dem nahen Wadi für ein paar Windungen folgen, bis ich zu meiner linken Seite den anvisierten Berg erblicken würde. Auf schmalen Hirtenpfaden bahnte ich mir meinen Weg durch die Steinwüste, wurde jedoch immer wieder von einem Kampfjet irritiert der über mir seine Manöver flog.
Nach einer Windung des ausgetrockneten Flussbettes eröffnete sich mir dann auch der Blick auf ein Militärfahrzeug, was sich auf einer nahen Bergkuppe positioniert hatte. Also verließ ich schon etwas früher als geplant das Wadi und konnte nach einem kurzen Anstieg ein paar Männer mit Traktor an dem Fuße des Berges erblicken. Ein paar Minuten später konnte ich meine Neugierde stillen, als sie mir von ihren Reperaturarbeiten an einem 150 Jahre alten Brunnen berichteten. Um ihn für Schafsherden als Tränke wieder nutzbar zu machen, stiegen sie in den dunklen Schacht hinab und schaufelten sich immer tiefer in den Wüstenboden.
Mit der brennenden Mittagsonne im Gesicht begann ich nun meinen Aufstieg. Die Kuppe des Berges erreicht, ruhten gerade zwei Beduinen und hüteten mit einem wunderschönen Blick über die Wüste bis hin zu den jordanischen Bergen jenseits des Jordantals ihre kleine Schafsherde.
Auf meinem Weg zum Gipfel passierte ich ein wenig später eine kleine Höhle aus einer scheinbar längst vergangenen Zeit. Die noch frischen Feuerstellen deuteten jedoch darauf hin, dass Beduinen wohl noch bis heute dort Unterschlupf finden. Auf dem Gipfel angekommen, konnte ich mich auf einem kleinen Felsvorsprung von dem Aufstieg ausruhen.
Vor mir lag die Wüste mit den vielen Flussläufen, die sich zwischen den kleinen Bergen einen Weg zum Jordantal bahnten. Vereinzelt konnte ichin der Ferne kleine Blechhütten von Beduinen entdecken, der Kampfjet hatte seine Manöver eingestellt und auch sonst war es vollkommen still. Eines der vor mir liegenden Wadis entdeckte ich für meinen Rückweg und gelang somit sicher wieder zurück aus der Ruhe und Einsamkeit in die Zivilisation.
Mit der tiefstehenden Sonne war es nun Zeit für die Hirten ihre Schafe an den vereinzelten grünen Vorbooten des bevorstehen Frühlings weiden zu lassen. Da ganz in der Nähe israelische Siedler ihre Häuserkolonien aufgebaut hatten, fürchtete ich manchmal, dass sie mich als Siedler verwechseln würden.
Einen kleinen Jungen sprach ich auf das Leben mit den nahen Siedlungen an. Er lachte jedoch nur drüber und meinte, dass es hier, anders als z.B. in Hebron, keine Probleme mit den Siedlern gäbe. Siedler und arabische Bewohner lebten hier friedlich nebeneinander.




5. Februar 2009 um 19:09 Uhr
Bei der Arabischlehrerin wohnen und Schweinesteaks aus Beit Jala essen – cool. Das ist ja alles besser als der Lotto-Jackpot (ok, vielleicht nicht als der von letzter Woche). Was man doch alles erleben kann, wenn man sich nur vom elterlichen Ofen weg hinaus in die Welt traut.